Vor 20 Jahren: 2005 im Rückspiegel, Teil 2
Inhaltsverzeichnis
Vorwort (2)
In Anlehnung an meine Rückblicke seit 2015 soll nun eine etwas ausführlichere Retrospektive auf das Jahr 2005 erfolgen. Die Texte basieren teilweise auf Beiträgen, die ich 2015 im Eisenbahnforum Vogtland veröffentlicht habe. Die Fotos sind digital überarbeitet bzw. neu ausgewählt worden.
Was sind wesentliche Unterschiede in der BRD im Jahre 2005 im Vergleich zur Gegenwart (12/2025)?
Angela Merkel war Mitte 2005 im Wahlkampf um das Kanzleramt. Im Wahlprogramm war die CDU noch als konservative Partei erkennbar. Ein Mitglied in Merkels Kompetenzteam war der ehemalige Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof, der ein grundlegend reformiertes Steuermodell vertrat, das bei CDU/CSU Anklang fand.
Im Vorjahr (2004) hielt Merkel in Düsseldorf eine – für ihre Verhältnisse – flammende Rede, in der sie angab, sich vehement für die „Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung“ stark machen zu wollen: „Da muss man natürlich darüber sprechen, dass es den Missbrauch des Asylrechts gibt.“ Zehn Jahre später war das nicht mehr so „natürlich“, nicht nur für die damalige Bundeskanzlerin. Und noch einmal zehn Jahre später hat die quasi von Merkel aus der Taufe gehobene Alternative zu ihrer „alternativlosen“ Politik bundesweit höhere Umfragewerte als alle anderen. Ein Schelm, der Zusammenhänge sieht!
Weitere Kontroversen im Wahlkampf zwischen CDU/CSU/FDP und SPD/Grünen waren der Atomausstieg (für die Jüngeren: die CDU war für die Verlängerung der Laufzeiten) und eine Mehrwertsteuererhöhung. Die CDU führte einen ungewohnt ehrlichen Wahlkampf, indem sie eine Mwst-Erhöhung von 16 auf 18 % „versprach“. Die SPD versprach in weiterer Regierungsverantwortung eine Mwst-Erhöhung von 0 %. Da war es absolut logisch, dass die Mwst dann in gemeinsamer (damals noch „großer“) Koalition eine Erhöhung um drei auf 19 % erlebte.
Zurück zur Ausgangsfrage: Der für die Lebensumstände des Durchschnittsmenschen wohl gewichtigste Unterschied zu heute: Es gab noch keine Schmierfone (Smartphones). Ergo: Die Menschen starrten noch nicht bei jeder Gelegenheit mit gesenktem Kopf auf mobile Digital-Endgeräte – und kamen dadurch noch häufiger mit eigenen Gedanken oder realen Menschen in Berührung. Dadurch nahm man die unmittelbare Umgebung noch bewusst(er) wahr, mit Augen und Ohren. Müll lag noch nicht an jeder Ecke und Sachbeschädigungen an Fremd- oder Gemeineigentum waren noch nicht an der Tagesordnung. Kurzum: Die Wohlstandsverwahrlosung war 2005 noch nicht im Ansatz soweit fortgeschritten wie 2025. Die von Schröder 2003 durchgesetzte Agenda 2010, die Deutschland in den 2010er-Jahren prosperieren ließ, griff allmählich.
Auch das Lebensgefühl im (großstädtischen) Straßenverkehr war 2005 noch ganz anders als heute: Wenn eine Ampel auf Grün schaltete, konnte man einfach losfahren oder loslaufen, ohne dass noch zig Rotfahrer/Rotgänger den Fahrweg querten. In Kurven musste man noch keinen Gegenverkehr fürchten, da die Kraftfahrer ihr Fahrzeug noch sicher in der eigenen Fahrspur halten konnten. (Das wirft die Frage auf, ob das zunehmende Nichteinhalten des Rechtsfahrgebots nur eine kognitive Verarmung dokumentiert, oder auch auf eine motorische Retardierung zurückzuführen ist?) Die Funktion des Blinkers wurde aber auch 2005 schon häufig missverstanden. (Soweit ich weiß galt schon immer: Man blinkt, bevor man die Fahrspur wechselt.) Immerhin ist „rechts blinken, um links abzubiegen“ auf der Straße noch die Ausnahme – bei CDU-Kanzlerkandidaten hingegen sowohl Mitte 2005 als auch Anfang 2025 praktiziert worden.
Juli
Zu Beginn des Monats spricht der Bundestag gegenüber Bundeskanzler Schröder das Misstrauen aus. Er hatte nach den
jüngsten Landtagswahlniederlagen die Vertrauensfrage gestellt. Für Herbst sind Bundestagsneuwahlen vorgesehen, wofür Bundespräsident Köhler am 21.07. offiziell seine Zustimmung gibt.
Am 07.07. fordert eine Serie terroristischer Anschläge in London über 50 Menschenleben und ca. 700 Verletzte.
Durch Ernteausfälle in Westafrika droht 3,6 Millionen Menschen der Hungertod, was Monate zuvor von der UNO angemahnt,
von den Medien weltweit aber weitestgehend ignoriert wurde.
24.07.: Bei seiner letzten Tour de France-Teilnahme erreichte Jan Ullrich den dritten Platz in der Gesamtwertung, hinter
Lance Armstrong und Ivan Basso. Armstrongs und Ullrichs Platzierungen wurden nach Urteilen im Jahr 2012 aberkannt.


bereitgestellt wurden (11.07.).




aus Böhlen (b Lpz).

Leipzig – Hof zu überqueren. Im Hintergrund ist das Kraftwerk Lippendorf erkennbar.

August
Was war im August?
Adidas kauft Reebok, Peter Lustig geht in (Löwenzahn-)Rente und vier Magdeburger „Jungs“ feiern ihren Durchbruch mit dem Lied Durch den Monsun.
2005 waren die einzigen Sommerferien, an denen ich mir neben dem VMS/VVV-Ferienticket auch das NASA-Ferienticket für Sachsen-Anhalt und den Leipziger Raum angeschafft hatte. Genutzt wurde es vor allem, um an den Leipziger Güterring nach Schönefeld zu fahren. Die Güterzugdichte war damals verlockend.



Am 18.08. treten sie die Weiterreise in Richtung Osteuropa an.



IRC 52302 nach Zwickau brachte, bespannte sie am 25.08. einen Lokzug von Glauchau nach Niederwiesa. Zwischen Chemnitz-Siegmar und -Schönau begegnete mir die Fuhre eher als erwartet.

erwartet. Noch besitzt der Bahnhof alle Gütergleise (26.08.).
September
Am 18.09. fand die 16. Bundestagswahl statt, das Ergebnis ist bekannt: Die lange und für das Land folgenschwere Ära Merkel beginnt!
Unvergessen ist Gerhard Schröders adrenalingeschwängerter Auftritt in der „Elefantenrunde“ am Wahlabend. Auch wenn man Schröders emotionalen Auftritt menschlich nachvollziehen kann: Immerhin hat er den Mainstream-Medien und den Umfrage-Instituten zum Trotz die CDU noch fast eingeholt. Heute herrscht weitgehend Konsens darüber, dass sein „suboptimales“ Benehmen Merkels Kanzlerschaft erst den Weg geebnet hatte. Denn die „Parteifreunde“ hatten – nach dem überraschend mageren CDU-Wahlergebnis – hinter Merkels Rücken schon die Messer gewetzt. Nun griffen jedoch menschliche Verteidigungsreflexe. Das ist bemerkenswert, schließlich ließ Merkel selbst jeden parteiinternen Kontrahenten – mit Helmut Kohl 2000 gar ihren größten Förderer – eiskalt über die Planke springen. Merkels jahrelanger Erfolg und ihre verhängnisvollen (Nicht-)Entscheidungen, z. B. in puncto Energieversorgung, Rente, Bundeswehr, unkontrollierte Immigration seit 2015, Chemnitz-Lüge 2018, annullierte Thüringen-Wahl 2020, Corona u.v.m. dokumentieren auch das große Versagen der CDU, die für Merkel nichts als ein Karrieresprungbrett war.
Seit den Wahlverspreche(r)n zur Mehrwertsteuererhöhung (CDU: +2%; SPD: +/-0%) gilt übrigens mathematisch Folgendes: 2 +/- 0 = 3.

über Gößnitz umgeleitet. IC 2151 aus Richtung Nürnberg erreicht am 04.09. den Bahnhof Gößnitz. Da die Züge damals ohne Steuerwagen verkehrten, wurde der Traktionswechsel von Reichenbach nach Gößnitz verlegt.




Oktober
Der goldene Oktober’05 war für viele Eisenbahnfreunde überschattet worden vom Schuppenbrand in Nürnberg-Gostenhof.
Am Abend des 17.10. brach im Holzdach des Gostenhofer Rundschuppens ein Feuer aus. Darin gelagerte Acetylenflaschen,
und nicht zuletzt die teilweise mit Kraftstoff gefüllten Dieselloks, wirkten sich „günstig“ auf das Feuer aus. Für die im Schuppen
abgestellten (Diesel-)Fahrzeuge kam jede Hilfe zu spät.
Mit zwei Dekaden Abstand mag die Floskel „die Zeit heilt alle Wunden“ zumindest auf die Dampfloks zutreffen, denn die waren
alle zu retten. 01 150 war zwischenzeitlich sogar wieder betriebsfähig. Zunächst traf die Gunst der Führungsetage aber
lediglich den Adler-Nachbau, er wurde schnell wieder aufgebaut.
Um das Ganze richtig einzuordnen: Es kamen, abgesehen von zwei leicht verletzten Feuerwehrmännern, keine Menschen zu
schaden, was selbstverständlich die Hauptsache ist. Traurig war das Ende von DB-Klassikern, wie V 200 002 und V 80 002
für viele sicher trotzdem. Auch das Schicksal der meisten anderen Fahrzeuge (23 105, 45 010, 86 457, E 75 09 etc.) war lange
ungewiss.

u. a. aus V 100 1023 und Silberlingen oder gar LVT der BR 772. Am 01.10.2005 verkehrte dieser Zug, wenn ich richtig erinnere, zum letzten Mal.
Zum Einsatz kam der VT 614 005/006, der die Bundesbahn-Poplackierung der 1970er-Jahre trägt. Schmuddeligen Wetters zum Trotz reiste ich per Bahn an,
wobei ich mich auf den Bad Stebener Ast konzentrierte. Kein (Chemnitzer) Eisenbahnfreund wollte mich an diesem Regentag begleiten, und so hatte ich den
614er nahezu für mich allein.




Weida – Mehltheuer. Die Reisezüge aus Richtung Hof wendeten hier baubedingt.

Das links abgebildete Stellwerk W2 ist am 17.01.2004 außer Betrieb gegangen und kurz nach der Aufnahme abgebrochen worden.



Am 17.10. hatten Lok 203 und 202 der MEG gemeinsam hinter Unterlemnitz gen Lobenstein wenig Mühe, war der Scheitelpunkt doch bereits überwunden.







(26.10.).



In Halberstadt-Spiegelsberge kreuzt die von Blankenburg schiebende 218 101 mit einem Güterzug, bespannt mir 241 697.
November
15.11.: Am frühen Morgen erschüttert ein leichtes Erdbeben der Stärke 3,1 auf der Richterskala Teile des Saarlands. Der exzessive Bergbau sei ursächlich.
17.11.: Der ehemalige Bundesligaschiedsrichter Robert Hoyzer wird wegen Beihilfe zum bandenmäßigen Betrug vom Landgericht Berlin zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und fünf Monaten ohne Bewährung verurteilt.
22.11.: Die Mitglieder des Bundestags wählen Angela Merkel mit 397 von 614 möglichen Stimmen zur Bundeskanzlerin. Das Votum für Merkel liegt 51 Stimmen unter der Anzahl der den Regierungsparteien CDU, CSU und SPD zugehörigen Mandatsträger.

im oberen Erzgebirge als Begleiterscheinung. Die Bedienung des Schrotthändlers in Grünstädtel erfolgte über die Zschopautalbahn.
Am 10.11. war 294 691 mit der Hinleistung in Walthersdorf unterwegs.

von Grünstädtel nach Chemnitz Süd zurück. Die nachmittägliche Übergabe Chemnitz Süd – Zwickau bestand nur aus diesem einen Wagen (und der 294) und
ist von einer V 60 nach Chemnitz Hbf gebracht worden. Dort hat 140 186 den „schweren Brocken“ nun zur Weiterfahrt nach Zwickau übernommen.

Eilig wurden einige Fotokollegen zusammengetrommelt und nach Jena-Göschwitz gekarrt. Dort wendete der Leerreisezug, hier
zu sehen unmittelbar nach der Ankunft.

geblieben und wurde von 294 738 abgeschleppt. In Chemnitz Hbf wurde die stark verspätete Fuhre dann gleich mit der Übergabe
von Chemnitz Süd nach Zwickau vereinigt. An diesem Tag (18.11.) bespannte diese ab Hbf das „Glubschauge“ 140 036.


Dezember
Noch einmal zur Popmusik: Den gesamten Monat hindurch stand Madonna mit der Single Hung Up, die Anleihen an ABBAs Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight) nimmt, an der deutschen Chartspitze.

180 bespannt. Am 02.12. unternahm ich einen Versuch das zu dokumentieren. 180 015 war an diesem Tag eingeteilt, 298 110 wird mitgeführt.

reihen 232-234 verabschiedeten sich nun auch auf dem nicht-elektrifizierten Abschnitt Nürnberg – Reichenbach (Vogtl) ob Bf aus
dem IC-Plandienst. Es übernahmen Mühldorfer 218 in Doppeltraktion. Am vorletzten Tag (09.12.) sehen wir 232 592 in Hof Hbf.

Diensten. Die „Windmühlen“ verabschiedeten sich u. a. auf der Odenwaldbahn, der Marschbahn und aus dem Stendaler/Halberstädter
Raum im Regionaldienst. Letzterem wurde, zusammen mit Daniel/DWK, nochmals die Ehre erwiesen. Eines der letzten Refugien für
diesellokbespannte Reisezüge in Mitteldeutschland wurde verabschiedet. In Thale habe ich diese kleine Eigenkreation an 218 321 angebracht,
aufgenommen in Nienhagen.


Zahlreiche Lübecker Loks wurden nach Mühldorf umstationiert. Dort wurden nun viele 218 für den IC-Verkehr Nürnberg – Reichenbach ob Bf
(- Chemnitz – Dresden) benötigt.
Die Lübecker 218 175 war nur noch wenige Wochen für Mühldorf im Einsatz. Am 11.12. hat sie gemeinsam mit 218 353 den IC 2161 (Karlsruhe – Chemnitz)
ans Ziel gebracht. Damals hätte ich mir den Latz an erster Stelle gewünscht, aber die 175 habe ich nicht nochmal bekommen. Sie wurde einen Monat später z-gestellt.

Sonderzug in Annaberg-Buchholz Süd für die Rückfahrt bereit.

Auf der Trasse sollte ein Radweg errichtet werden, wozu es aber bis heute nicht kam. (Berbersdorf am 28.12.)

Am 31.12.2005 bestand dieser aus 218 353, 358, 292 und 352.
Das war schon kurios! Zwei Monate zuvor war man mit den Eltern nach Mühldorf gereist, um die bunten 218er zu erleben. Und dann kamen sie freiwillig in die Heimat. Im Januar 2006 besuchte dann auch die „Blumenwiese“ (218 418) Sachsens drittgrößte Stadt.
2005 im Rückspiegel: Teil 1
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