Streckenjubiläen im Erzgebirge, Teil 4: Annaberg „obere Stadt“

Die feierliche Eröffnung der Strecke Königswalde – Annaberg i. Erzgeb Ladestelle am 01. August 1906 ist der Anlass, sich nach 120 Jahren mit dieser Linie genauer zu befassen. Vor gut drei Dekaden ist sie von der Bildfläche verschwunden.

Vorgeschichte & Bau

Annaberg erhielt 1866 mit der Verbindung nach Chemnitz (AF) seine erste Bahnanbindung. Der Bahnhof im beengten Sehmatalkessel konnte nicht erweitert werden. Die damals ausschließlich mit Pferdegespannen transportierten Güter in den höherliegenden Ortskern waren im aufkeimenden Industriezeitalter äußerst beschwerlich für Mensch und Tier. (Der erste private Lastkraftwagen ist in Annaberg 1912 nachgewiesen.) Die in Annaberg ansässige Posamentenindustrie war nicht mehr konkurrenzfähig. Eine Schienenanbindung der „oberen Stadt“ musste her. Die Stadt- und Gemeindevertreter petitierten ab 1892 mehrfach für einen Bahnanschluss, zunächst Schmalspur, vom Bf Schönfeld her. Dies wurde von Regierung und Landtag stets abschlägig beschieden.

Die Wende kam im neuen Jahrhundert: 1902 nahm die Sekundärbahn von Königswalde nach Ober-Annaberg allmählich Form an. Das Regierungsdekret zum Bahnbau datiert auf den 12. März und traf zwei Tage später in Annaberg ein. Die Stadt beteiligte sich zu zirka einem Drittel an den kalkulierten Baukosten von 538.000 Mark. Im Dezember 1904 begannen in Königswalde die Bauarbeiten.

Am 01. August 1906 ging die Güterbahn in Betrieb. Durch die regelspurige Anbindung an die 1872 eröffnete Linie Weipert – Annaberg konnte die böhmische Braunkohle nun problemlos in die obere Stadt gelangen. Rasch siedelte sich viel Industrie rund um den auf einer Hochebene gelegenen Endpunkt der Strecke an. Die Logistik sah nun vor, dass die Pferdefuhrwerke Last talwärts in die Stadt befördern.

[1] Auf dieser 1931 gelaufenen Ansichtskarte aus der Vogelperspektive sind beide Annaberger Bahnhöfe abgebildet. Bildbestimmend sind der Pöhlberg und die St. Annenkirche im Zentrum. Der Höhenunterschied zwischen beiden Bahnhöfen beträgt rund 121 Meter!

Schon vor der Fertigstellung bemühte man sich 1906 um eine Verlängerung nach Schönfeld bzw. 1912 via Geyersdorf durch das Pöhlbachtal (Plattenthal) mit einer Anbindung an die AF in Wiesenbad oder Wolkenstein. Letzteres wurde in Teilen 1914-1928 durch die WKw-Linie realisiert, allerdings ohne Lückenschluss zur oberen Bahn. In Aussicht stellte man ein Industriegleis vom oberen Bf zur sogenannten Riesenburg (Bezeichnung für ein Gebiet rund um ein Anwesen, in Anlehnung an dessen einstigen Eigentümer Adam Ries) nahe Geyersdorf. Aber auch dazu kam es nie.

Streckenbeschreibung

Die 5,88 km lange Strecke liegt ab Königswalde nahezu durchgehend im Gefälle, das in Annaberg zwischen den BÜ Alte Post- und Ernst-Roch-Straße seine größte Neigung von 1:68 hat. Die Trasse nutzt zu einem großen Teil die des Flößgrabens (alternativ: Floßgraben). Dies war ein Mitte des 16. Jahrhunderts von der Stadt Annaberg angelegter, knapp elf Kilometer langer, Wassergraben. Er diente rund drei Jahrhunderte lang dem Transport von Baumstämmen aus dem Raum Bärenstein nach Annaberg.

[2] Die Trasse des verfüllten Flößgrabens bzw. der KA liegt kurz hinter Königswalde im noch leichten Gefälle. Der Höhenunterschied zur WA, links, ist bereits deutlich. Etwa im Bildmittelpunkt stand bis 1999 das Einfahrsignal C. (03/2014)

Nach rund einem Kilometer lichtet sich der Wald und die Trasse verläuft auf einer Hochfläche. Es bietet sich nun die meiste Zeit ein wunderbarer Ausblick auf die Höhen des Westerzgebirges.

[3] Von der Pöhlbergauffahrt blicken wir Mitte 1994 auf den Bärenstein und die sich von Königswalde dem Gasthaus Morgensonne nähernde Übergabe mit 201 101 an der Spitze.
[4] Einige Streckenmeter weiter quert die Übergabe die Straße am Gasthaus Morgensonne, das am rechten Bildrand erkennbar ist. Ebenfalls erkennbar sind Keil- und Fichtelberg. Diese sind mit 1244 und 1215 m die höchsten des Mittelgebirges.
[5] Ein Güterzug mit 201 888 rollt am 12. Oktober 1994 von der oberen Stadt in Richtung Königswalde. Unweit des BÜ Annaberger Straße am Gasthaus Morgensonne ließ sich die Strecke mit dem Pöhlberg wunderbar in Szene setzen.
[6] Diese Teleaufnahme bei Himmlisch Heer, zwischen Kleinrückerswalde und Gasthaus Morgensonne, verdeutlicht die Neigungsverhältnisse. Am 15. August 1994 ist mit 201 007 ein echtes V 100-Urgestein auf der Strecke unterwegs.
[7] Der Blick vom Fuß des Lerchenhübels (721 m): Die Hinleistung des zuvor gezeigten Zuges am 12. Oktober 1994 vor der Kulisse von Keil- und Fichtelberg.
[8] Welch Idylle in 680 mNN: 201 813 bringt am 11. Oktober 1994 bei Kleinrückerswalde drei Wagen nach Königswalde zurück. Gut erkennbar ist die 1525 vollendete St. Annenkirche Annabergs. Etwa an dieser Stelle entzweien sich die KA-Trasse und der alte Flößgraben: Die Bahn schweift nach links um den Galgenberg herum, während der alte Wassergraben rechterhand verlief.
[9] Am 11. Juli 1994 nutzte Danilo Grund die Gunst einer Führerstandsmitfahrt auf 201 813. Wir blicken aus der Beimann-Perspektive auf den BÜ Alte Poststraße. Rechts befindet sich der Anschluss Elektroinstallation. Ab hier verlaufen die B 95 und die KA unmittelbar parallel.
[10] Zwischen den BÜ Ernst-Roch- und Alte Poststraße ist 201 101 am 08. Juni 1994 in der Steigung in Höhe Kätplatz mit UEG 68433 in Richtung Königswalde unterwegs. Zum Zeitpunkt der Aufnahme trug die Lok noch drei Nummernschilder, was jedoch keinen Monat mehr währte.
[11] 201 813 hat soeben den oberen Bf verlassen und befindet sich zwischen den BÜ Park- und Ernst-Roch-Straße. Über letztere gelangt man direkt auf den vielfach mit der Bahn abgebildeten Pöhlberg. Auch auf der parallelen B 95 sind am 11. Juli 1994 noch zahlreiche Fahrzeuge aus DDR-Produktion unterwegs.

Betriebssituation

Der Zugverkehr lief nach der Vorschrift für den vereinfachten Nebenbahndienst (DV 437) als Zugleitstrecke. Königswalde (Erzgeb) ob Bf war Zugleitstelle, von wo aus alle Fahrten geregelt wurden. Das einzige Hauptsignal der Strecke war das Einfahrsignal C des Bf Königswalde (Erzgeb) ob Bf. Der Zugführer übernahm in Königswalde einen Streckenschlüsselbund, um Weichen und Gleissperren in Annaberg ob Bf bedienen zu können.

In Annaberg ob Bf fungierte der Zugführer als Fahrdienstleiter, der Zugschaffner als Rangierarbeiter. Zusätzlich gab es noch einen Rangierleiter. Der Rangierdienst erfolgte stets mit der Zuglokomotive. Drei Zugpaare täglich waren lange die Norm. In den letzten Betriebsjahren gab es noch ein Zugpaar Mo-Fr. Die Übergabefahrten begannen und endeten in Annaberg-Buchholz Süd und bedienten bis zuletzt auch den Bf Bärenstein (Kr Annaberg) mit.

Im Laufe ihrer gut 88 Betriebsjahre unterstand die KA-Linie drei Bahnverwaltungen: zunächst den Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen, ab 01. April 1920 war es die Deutsche Reichsbahn und im letzten Betriebsjahr schließlich die Deutsche Bahn AG. Obwohl am 30. Dezember 1994 der ultimativ letzte Zug fuhr, datiert die offizielle Betriebseinstellung auf den 01. Mai 1995. Die formale Stilllegung durch das EBA ist am 01. Oktober 1996 wirksam geworden.

Der große Widersacher Winter

Die Strecke auf der freien Hochebene war stark verwehungsanfällig. Einige Begebenheiten sind überliefert, u. a.:

An einem Sonntag im Winter 1941 fuhren zwei Kinder auf Skiern die Bahntrasse entlang. Sie wurden von einem Kohlensonderzug überrascht. Aufgrund der meterhohen Schneewände links und rechts des Gleises konnten sie nicht ausweichen. Der Junge überlebte, für seine Schwester kam trotz sofort eingeleiteter Schnellbremsung jede Hilfe zu spät.

[12a] Links: V 60 in Annaberg-Buchholz ob Bf, siehe Zitat von Uwe Schulze; [12b] rechts: In der Nacht auf den 22. Februar 1993 schneite es ordentlich. Die morgendliche Übergabe fiel aus, stattdessen kam 201 514 mit einem Meininger Klimaschneepflug, um die Strecke zu räumen. Die Aufnahme entstand nahe der ehemaligen Ladestelle Cunersdorf.

Lokführer Uwe Schulze alias „Weipert“ erinnert sich an folgende Begebenheit [12a]:

Wie man sieht, hatte der Schneepflug der Straßenmeisterei Wände an der Morgensonne, so hoch wie die Vorbauten der V 60, zusammengeschoben. Der Schnee liegt noch auf dem Vorbau 1. In der oberen Stadt habe ich mit der kleinen Kehrschaufel fix den Vorbau etwas abgeschaufelt, da ich aus den Fenstern nichts mehr sah. Im Dunkeln hatte ich die Schneewände zu spät gesehen und habe mich nur noch festgehalten. Ich wusste, es gab nur zwei Möglichkeiten: durch oder entgleisen! Es ging gut, und wir sind durchgekommen. Es war mein erster Winter als Lokführer und bestimmt nicht immer einfach, ganz fix in solchen Momenten zu entscheiden. In Königswalde hatte der Gerhard aufgrund der Schneehöhe entschieden, es geht doppelt in die obere Stadt rüber und der Wendler, Andreas schob ab Königswalde nach.

Fahrzeugeinsatz

Im ersten Jahrzehnt kamen mutmaßlich sächsische V T und IV T zum Einsatz. In den 1920er- bis Anfang der 30er-Jahre sind die preußischen G 5 (BR 54.10) des Bw Buchholz (Sachs) auf der KA eingesetzt worden. Den Großteil der 88 Betriebsjahre prägten vor allem die Baureihen 86 und 106 (ab 1992: BR 346). Nach 1990 ist schließlich die Ursprungsvariante der V 100 (BR 201) auf der Strecke heimisch geworden.

[13] Eine wunderbare Winterszenerie am 25. November 1993 bei Cunersdorf mit Pöhlberg und 346 959, welche die Übergabe (UEG 68433) in Richtung Königswalde zieht. Die Maschine gehörte damals noch zum Bw Aue, das aber zum Jahreswechsel 1993/94 als selbstständige Dienststelle aufgelöst wird.

Die Lokomotiven und ihr Personal sind stets von Buchholz aus eingesetzt worden. Die offizielle Bezeichnung „Triebfahrzeugeinsatzstelle Annaberg-Buchholz“, von April 1923 bis Dezember 1966 ein eigenständiges Bw, hat abgesehen vom formalen Dienstweg niemand verwendet. Für den Erzgebirger war das schlicht und ergreifend viel zu sperriges Vokabular. Buchholz unterstand bis Jahresende 1993 dem Bw Aue. Im letzten Betriebsjahr der KA war die Einsatzstelle dem Betriebshof Chemnitz zugeordnet. Somit sind 1994 einige „neue“ Loknummern der Baureihen 201 und 346 vor den Übergabezügen aufgetaucht. Die 201 (V 100, 1970-1991: BR 110) hatte die 346 weitgehend verdrängt. Ab August 1994 sah man dann für einige Wochen wieder vermehrt 346 vor den Zügen.

Prägnant für die Züge auf der oberen Bahn waren die bis zuletzt eingesetzten Begleitwagen. Bis Mitte der 1970er-Jahre kamen vereinzelt noch alte Preußen (Pwg Pr 14) zum Einsatz. Die ab 1956 von der DR beschafften Pwgs 88 prägten das Bild bis zur Wende. Die letzten Jahre oblag die Aufgabe schließlich dem vielfach gezeigten 40-50-943 0950-8, der ursprünglich anderen Zwecken diente.

[14] Diese Fotografie aus dem Jahr 1937 zeigt 86 027 (Bw Buchholz) mit kurzer Fuhre in Richtung Königswalde bei Cunersdorf.
Der preußische Packwagen ist in der Mitte eingereiht. (Slg. Roßberg)
[15] Ein Blickfang waren die Transporte von Zirkus und Schaustellern zum oberen Bf. Auch die Elefanten des Zirkus Sarrasani reisten selbstverständlich per Bahn an. Aus der Wohnung von Tante Frieda und Onkel Max im Baumann-Schlosser-Haus an der Karlsbader Straße hatte Siegfried Bergelt einen guten Blick auf das Cranzahler Viadukt, und eben jenes Spektakel. Am oberen Annaberger Bf sind diese Transporte beim Be- und Entladen stets von zahlreichen Schaulustigen umlagert gewesen. Bilddokumente sind rar oder mittlerweile vernichtet worden.

Jürgen Förster aus Annaberg erinntere sich am 21. Dezember 1994 in der Freie Presse/Annaberger Zeitung:

Höhepunkte für uns Kinder waren die Kätzüge mit vielen bunten Schaustellerwagen, welche an der Kopframpe des oberen Bahnhofs entladen wurden. Für Schausteller, die keinen eigenen Traktor hatten, zog ein schwerer Schlepper mit Holzführerhaus der Firma Iser die Wagen auf den Kätplatz. Einmal in den sechziger Jahren kam ein Sonderzug mit der Achterbahn, die damals noch eine Holzbalkenkonstruktion war. Am Anfang kam auch der Zirkus noch vollständig in mehreren Zügen mit der Bahn, später dann nur noch die Elefanten in einem Güterwagen.

Betriebsstellen

Bf Königswalde (Erzgeb) ob Bf (km 5,518 WA; km 0,0 KA)

Bis zum Bau der KA war Königswalde nur ein Haltepunkt an der 1872 eröffneten WA-Linie. Nach dem Umbau zum Bf besaß er drei parallele Gleise. Am Nordkopf waren Gleis 1 und 2 mit einer Doppelten Kreuzungsweiche verbunden, was zugleich die Anbindung der KA-Linie gewährleistete. Nach einem Umbau fungierte Weiche 3 auch als Schutzweiche von Gleis 2, deshalb waren die Gleise 2 und 3 im Norden seither mit einer Einfachen Kreuzungsweiche verbunden. Gleis 3 sicherten Gleissperren. Der Link zum Gleisplan.

Der Zusatz oberer Bahnhof galt offiziell ab 15. Mai 1928, denn an diesem Tag ging das letzte Teilstück der WKw-Linie (Plattenthalbahn) zwischen Geyersdorf-Mildenau und dem neuen Endpunkt Königswalde unterer Bf in Betrieb.

Am 20. November 1995 vollzog man die betriebliche Degradierung zum Haltepunkt. Zwei Tage später schloss die Fahrkartenausgabe. Seit 27. September 1998 halten, wegen unzureichender Bahnsteige, auch keine Reisezüge mehr. Während einer Oberbauerneuerung Mitte 1999 sind die Bahnhofsanlagen komplett abgebaut worden.

[16] Der 29. Dezember 1993 war ein herrlicher Wintertag. 201 095 rollt mit N 5869 aus Richtung Cranzahl ein, während 201 833 mit der Übergabe aus Ober-Annaberg schon zur Abfahrt nach Buchholz bereitsteht. Zum Zwecke der Zugkreuzung musste der Güterzug zuvor von Gleis 1 auf 2 umgesetzt werden.
[17] Nach der Rückkehr aus der oberen Stadt setzt 201 888 über Gleis 2 um. Sie befindet sich gerade in Höhe der Einfachen Kreuzungsweiche, die Gleis 3 anbindet. Die im Hintergrund erkennbare Doppelte Kreuzungsweiche, verbindet WA- und KA-Linie. Gut erkennbar: der Stellwerksanbau am Bahnhofsgebäude mit dem Kurbelwerk. Geradezu ein Maskottchen der Strecke war der Zugbegleiterwagen, der mit allerhand „Orden“ bestückt war.
[18] Am 05. April 2026 war bereits seit rund drei Jahrzehnten kein Bf mehr in Königswalde, sondern freie Strecke. Das privat genutzte Bahnhofsgebäude und ein letzter erhaltener Wagenkasten (rechts des Bildausschnitts) bezeugen noch die Vergangenheit. Man staune wie sich der Baumbestand entwickelt hat. (Historische Aufnahmen zeigen, dass der Bf auch früher schon einmal von Forst umgeben war.)

Ldst Cunersdorf (b Buchholz/Sachs) (km 1,67 KA)

Die Ladestelle besaß ein beidseitig angebundenes Ladegleis und zwei Wagenkästen. Der Wirt des nahegelegenen Gasthauses Morgensonne fungierte zeitweise als Reichsbahnagent und kümmerte sich um das Ladegleis. Kurz nach der Stilllegung, 1955, entfernte man das Ladegleis und die zwei Weichen.

[19] Der vordere Bereich der Ladestelle in Cunersdorf: Auf dem kleinen Bild aus dem Jahr 1992 steht noch der Wagenkasten, der als Dienstraum fungierte und, neben einem weiteren WK, das einzige Gebäude der Betriebsstelle war. Wir blicken in Richtung Annaberg auf den BÜ Annaberger Straße. Die nördliche Weiche lag zirka in Höhe der Fotografen, das Ladegleis demnach im Rücken des Betrachters.

Ldst Kleinrückerswalde (km 4,11 KA)

Ebenfalls mit einem Güteragenten besetzt war diese Ladestelle. Das Ladegleis besaß neben beidseitiger Anbindung eine stumpfe Verlängerung in Richtung Annaberg (drei Weichen). 1955 entfernte man alle Gleise und Weichen. Bis in die 1960er-Jahre seien aber in Ausnahmefällen noch Verladungen, vom Streckengleis aus, vorgekommen. Ein Kohlenhändler nutzte das freie Terrain noch lange als Lagerfläche.

[20] Der Bildautor nutzte zu seinem Geburtstag die Gelegenheit, die Übergabe auf seiner „Lieblingsstrecke“ nochmals mit einer V 60 festzuhalten. Im Bereich der ehemaligen Ladestelle rollt 346 520 mit UEG 68433 in Richtung Königswalde. In Höhe der letzten Wagen erkennt man die Reste des abgebrannten Wagenkastens. Auf dessen Höhe endete das Stumpfgleis.
[21] Der Bereich der früheren Ladestelle heute, Blick gen Annaberg (04/2026).

Anst EIA (vorm. A.E.G.; km 5,085 KA)

Den Anschluss bedienten Übergabefahrten von Annaberg ob Bf aus. Um an das Fabrikgebäude zu gelangen, musste im Zuge einer Spitzkehre die Alte Poststraße zweimal gequert werden. Die letzte Bedienung war ca. 1990, die offizielle Stilllegung 1992.

Einst gab es noch eine zweite Ladestelle vor dem BÜ. Die Wagen für diese Ladestelle wurden in Buchholz zwischen Lok und Begleitwagen platziert, sodass die Ladestelle zuerst bedient wurde, bevor man den oberen Bf erreichte. Bilddokumente von Bedienungen der Ladestellen sind bisher nicht bekannt.

[22] Das Ladegleis 1990 und der Zustand 2008.
[23] Die von 346 959 gezogene Übergabe aus Richtung Königswalde passiert am 04. Februar 1994 den Gleisanschluss. Zu sehen ist die Spitzkehre. Links des Bildes gab es einst eine zweite Ladestelle.
[24] Eine Übergabe in Gegenrichtung liefert uns am 13. Mai 1994 einen weiteren Blick auf den Gleisanschluss. Die Schienenköpfe sind längst verrostet, eine Sh2-Scheibe sperrt das Gleis nach der Anschlussweiche.

Hp Annaberg (Erzgeb) ob Bf, A.E.G.-Bahnsteig (km 5,02 KA)

Ab 14. März 1927 wurde Reiseverkehr für die Mitarbeiter des neuen A.E.G.-Komplexes eingerichtet. Hierzu wurde ein hölzerner Bahnsteig am Streckengleis in Höhe der Fabrik errichtet.

[25] Der Sonderreisezug zum Abschied rollt am früheren A.E.G.-Bahnsteig vorbei, an welchen noch die Stützmauer aus Stampfbeton erinnert.
[26] Auf dieser Aufnahme in Gegenrichtung ist die Lage des früheren Bahnsteigs noch gut erkennbar. Rechts ist auch der Höhenunterschied zum Ladegleis auf dem gemauerten Plateau zu sehen.

Gbf Annaberg-Buchholz ob Bf (km 5,878 KA)

Auch am Endpunkt waren die Anlagen zunächst sehr bescheiden ausgeführt: drei parallele Gleise, drei Weichen und eine Ladestraße mit Kopf- und Seitenladerampe. Als Dienstraum diente auch hier vorerst nur ein Wagenkasten. Zunächst lautete die Bezeichnung der Endstation Annaberg i. Erzgeb Ladestelle, besetzt mit Bahnwärter und Güteragenten.

Seit Mai 1913 war Annaberg (Erzgeb) ob Bf ein selbstständiger Bf mit Abfertigungsbefugnis und Telefonanschluss. Ein Stationsvorstand und ein Hilfsbeamter verdoppelten das örtliche Personal.

Ein massiver Güterschuppen mit angrenzendem Dienstgebäude, ein viertes Gleis und eine weitere Laderampe entstanden Ende der 1920er-Jahre. Am 01. Juni 1929 wurde öffentlicher Stückgutverkehr eingeführt. Nun gab es fünf Angestellte.

Hauptkunden waren der Kohlehandel (Gleis 4), Konsum und die Wismut. In Spitzenzeiten erreichten 800 bis 1000 Wagen pro Monat den oberen Bf! Zwischen 1946 und 1960 betrieb die Wismut im oberen Bf eine Erzsortieranlage. Uranhaltiges Erz wurde per Lkw aus den umliegenden Schächten angefahren und in Ganzzügen à 800 Tonnen gen Sowjetunion abtransportiert. Das zu diesem Zweck um 400 Meter nach Osten verlängerte Gleis 2 ist später von der GHG genutzt worden. Einen Gleisplan findet man hier.

[27] Der obere Bahnhof am 16. Dezember 1994: 201 813 rangiert einen Fcs an den Begleiterwagen. Ein richtiges Empfangsgebäude gab es hier nie. Das Dienstgebäude am Güterschuppen erfüllte den Zweck.
[28] Am 25. Oktober 1993 sind noch zahlreiche Fcs-Wagen im ob Bf für den Kohleumschlag zu sehen. 201 829 rangiert gerade im Bereich des Schrotthandels, einst Konsum.
[29] Das mit dem Bahnbau entstandene Eisenbahnerwohnhaus ist eines der letzten Überbleibsel auf dem Terrain des oberen Bahnhofs.

Die Rationalisierungsbemühungen der DR ab Mitte der 1960er-Jahre hätten beinahe die KA getroffen. Das Blatt wendete sich Anfang der 1970er-Jahre, als der Beschluss fiel, im oberen Bf den zentralen Umschlagplatz für Kohlen der Kreise Annaberg, Schwarzenberg, Marienberg, Zschopau und Teile des Landkreises Karl-Marx-Stadt einzurichten. Die Braunkohle kam nun in Ganzzügen (jährlich rund 190.000 Tonnen) bis zum ob Bf, um in 18 Hochbunker à 22 Tonnen entladen zu werden. Von hier aus verteilten Lkw den Brennstoff an die Gemeinden und Betriebe. Die Kohlenzüge waren zu lang für den ob Bf, deshalb wurde der hintere Zugteil zunächst auf freier Strecke abgestellt, um im Bf rangieren zu können.

[30] Auszüge aus dem Buchfahrplan, gültig ab 28. Mai 1989, zeigen einen Kohlenzug von Schwarzkollm in die obere Stadt. Man beachte die Entwicklung von Traktion und Last bis zum Ziel.
[31] Von einer ehemaligen Pöhlberg-Bobbahn blicken wir auf den oberen Bahnhof. 201 101 setzt soeben um. Neben dem Güterschuppen sind noch fünf der einst 18 Kohlehochbunker erkennbar.
[32] Einer der letzten Reste aus Eisenbahnzeiten ist der Ladebereich des Anschlusses GHG (Großhandelsgesellschaft Nahrungs- und Genußmittel / Obst und Gemüse) am Ostende des oberen Bf. Einst gab es links und rechts dieses langen Anschlussgleises unzählige Ladeschuppen/-luken. Außerdem befand sich hier ein Verladeturm für Getreide.

Als zur Sanierung des Cranzahler Viadukts 1992 ein Inselbetrieb zwischen Cranzahl, Bärenstein und der oberen Stadt bestand, war das GHG-Gleis vollgestellt mit Es-Wagen voller Kohle, um die Streckenunterbrechung zu überbrücken.

Kunstbau: EÜ Kleinrückerswalde (km 4,001 KA)

  • Länge: 27,6 m; Höhe: 5,6 m

Das kleine Viadukt bestand aus drei Stahlträgern, die auf steinernen Widerlagern und zwei Pfeilern ruhten. 1972 sind die Überbauten ausgetauscht worden. Erst im Zuge dessen erhielt die Brücke beidseitig Laufstege und Geländer.

[33] Der Zustand der Brücke von 1972 bis 2008, Blick in Richtung Annaberg.
[34] Im Zuge des Radwegbaus ersetzte man die stählernen Überbauten 2009 durch hölzerne.
[35] Bekannt wurde die EÜ in Kleinrückerswalde vor allem durch einen Unfall im Januar 1971 (links). Gut ist der ursprüngliche Zustand ohne Geländer und Stege erkennbar. Rechts oben der heutige Zustand, rechts unten während des Umbaus 2009.
[36] Vier Güterwagen stürzten zum Jahresbeginn 1971 (die Daten 04. Januar und 23. Januar kursieren dafür) von der Brücke, zwei weitere entgleisten. Ein scharfgelaufener Radkranz hatte schon in Höhe EIA zur Entgleisung eines Wagens geführt. 86 1463 zog den Zug weiter. Schließlich wurden alle vier Wagen an Ort und Stelle zerlegt. Personenschäden waren nicht entstanden.

Personenverkehr & Sonderzüge

Erstmals am 25. Juli 1917 stellte man dem Güterzug einen Personenwagen 3. Klasse bei. Nach rund vier Jahren stellte die DR den Personenverkehr zum 01. Juni 1921 wieder ein, da die Kraftomnibuslinie Annaberg – Bärenstein – Oberwiesenthal wieder verkehrte.

Ab 14. März 1927 gab es kurzzeitig Personenverkehr bis zur AEG. Die Initiative ging vom Annaberger Arbeitsamt aus, das am 02. September 1926 einen Antrag stellte. Anlass war die Produktionsaufnahme der AEG, dem damals größten Arbeitgeber Annabergs. Schnell übernahmen neue Omnibuslinien diese Aufgabe, sie waren billiger und schneller.

Im Zweiten Weltkrieg wurden zwangsverpflichtete Arbeitskräfte aus Richtung Weipert per Bahn angefahren. In der Nachkriegszeit gab es nochmals kurz Personenverkehr für die Wismut.

[37] Am 30. Dezember 1991 schickte die Interessengemeinschaft Preßnitztalbahn e. V. einen Sonderreisezug auf die KA. Er wurde gezogen von 110 773 und bestand aus einem Bghw, einem Bmh und einem dreiachsigen Gepäckwagen (Dage). Am Endpunkt hat die 110 bereits umgesetzt, der Lokführer verewigt die Szene.
[38] Ein letztes Mal befuhr der Spritzzug zur „Vegetationskontrolle“ am 02. Juli 1992 die KA. 201 618 (Bw Aue, TE Annaberg-Buchholz) und 202 667 (Bw Dresden) ziehen bzw. schieben ihn vor der Kulisse der Feldraine über die Höhe. In den Folgejahren führte das Ausbleiben dieser Maßnahme dazu, dass das Gleis mehr und mehr zuwuchs.

Tag der Sachsen

Vom 02. bis 04. September 1994 fand in Annaberg-Buchholz der Tag der Sachsen statt. Zu diesem Ereignis sollte sich die Stadt autofrei präsentieren. Nur Anwohner mit besonderer Erlaubnis durften mit ihrem Auto die Stadtgrenze passieren. Für die Besucher wurden rings um die Stadt P+R-Plätze angelegt, wo sie ihr Auto abstellen konnten, und mit Bussen ins Stadtzentrum befördert wurden.

Der VSE nutzte die Gelegenheit, und richtete zwischen dem Parkplatz an der Bärensteiner Straße und dem ehemaligen Anschluss EIA einen Pendelverkehr ein. Auf dieser 1,3 km langen Strecke verkehrte dieser von 50 3616 und 312 132 beförderte Zug alle 20 Minuten. Überführt wurde der Zug am Freitag, dem 02. September 1994 gegen Mittag.

(Text: Danilo Grund)

[39] Der P+R-Platz in Kleinrückerswalde und der Pendelzug. Erkennbar sind die hölzernen Einstiegshilfen. Am 02. September ist das Wetter eher ungemütlich, was sich am Folgetag ändern wird.
[40] Am km 4,95 KA befand sich der Behelfsbahnsteig, der aus Munitionskisten bestand, in Höhe der Spitzkehre zum Anschluss EIA. 50 3616 rollt mit dem Pendelzug soeben von Kleinrückerswalde kommend ein. (Foto: Falk Thomas)
[41] Am Abend des 03. September 1994 erreicht 312 132 wieder den offensichtlich gut ausgelasteten P+R-Platz in Kleinrückerswalde.

Die Fahrzeuge übernachteten zweimal im oberen Bf. Am Samstagabend bekohlte man die 50. Dazu fuhr sie in den Anschluss Kohlehandel, wo das Personal die Kohlen auf ein Förderband schaufelte.

[42] Die sonntagabendliche Rücküberführung Lr 35610 zeigt zirka 19:40 Uhr die komplette Garnitur bestehend aus einem Bghw, einem Bdghwe und dem Mannschaftswagen („Donnerbüchse“). Letzter stand das gesamte Wochenende über im oberen Bf.

Abschiedsfahrten

Sonderreisezüge der DB AG am 17.12.1994

Organisiert von Jörg Hänsel bot die Deutsche Bahn AG am 17. Dezember 1994 zwei öffentliche Nahverkehrszugpaare zwischen Annaberg-Buchholz unterer Bahnhof und Annaberg-Buchholz oberer Bahnhof an. Dies waren zugleich die offiziellen Abschiedsfahrten der im letzten Betriebsjahr zuständigen DB AG von dieser Strecke. Zum Einsatz kam die Chemnitzer 201 285 mit zwei Bmh. Eine Garnitur, die damals regulär zwischen Flöha und Vejprty eingesetzt wurde.

Der erste Zug ging aus der Weiterführung des sonst nur bis Cranzahl verkehrenden N 5869 hervor. Zahlreiche Interessierte nutzten die einmalige Gelegenheit, per Eisenbahn direkt vom unteren zum oberen Bahnhof der Stadt zu gelangen.

[43] Der Sonderreisezug rollt zwischen Königswalde und Cunersdorf gen obere Stadt.
[44] Die Einfahrt in den oberen Bahnhof von Annaberg aus Sicht des Fahrgastes – ein rarer Ausblick!

Vorletzter Betriebstag: Die letzte V 100 wehrt sich gegen das Ende

Am offiziell letzten Betriebstag einer Eisenbahnstrecke bleibt wenig undokumentiert. Unzählige Interessierte aus nah und fern reisen an, um live dabei zu sein. Etwas abschätzig kann man dies dem „Katastrophentourismus“ zurechnen. Doch, wer weiß schon noch, wie die letzten „richtigen“ Betriebstage ohne Rummel abliefen? So etwas bleibt den echten Chronisten, in diesem Fall: Danilo Grund, vorbehalten:

  • Donnerstag, 22.12.1994: 201 770 (Tf: R. Walther), hinzu nur mit Begleitwagen, retour 1 Fcs mit Kohle für Stellwerk in Buchholz
  • Freitag, 23.12.1994: 201 095, nur mit Begleitwagen
[45] 201 095 ist am 23. Dezember bei Kleinrückerswalde – wie so oft in den letzten Tagen – lediglich mit dem Zugführerwagen auf dem Rückweg nach Königswalde. Über Weihnachten’94 liegt eine dünne Schneedecke, die zum 28. verschwunden sein wird. Erstmals hatte man die verwehungsanfälligen Abschnitte mit Kunststoffschneezäunen gesichert. Die hölzernen Vorgänger lagen noch nutzlos neben dem Gleis herum. Gelohnt hat sich das nicht mehr, denn bis zum richtigen Wintereinbruch war die Strecke bereits tot.
  • Dienstag, 27.12.1994: 201 745 (Tf: T. Mißbach), nur mit Begleitwagen
  • Mittwoch, 28.12.1994: 201 829 (Tf: D. Göbel) hinzu mit einem Es für Kohlehandel, retour nur mit Begleitwagen

Am Donnerstag, dem 29. Dezember 1994 gab es noch einmal Last zu befördern: 201 745 (Tf wie Vortag) erreichte mit sechs in Bärenstein (Kr Annaberg) mit Holz beladenen Ea-Wagen den ob Bf. Der nun mit Kohle beladene Es vom Vortag wurde angehangen und es stand eine Last von rund 320 t für die Rückfahrt nach Königswalde zu Buche. Nachdem Lok- und Zugpersonal im Begleitwagen ihre Skatrunde beendet hatten, startete der Zug um die Mittagszeit im ob Bf. Entweder war die V 100 solche Lasten nicht mehr gewohnt oder sie wehrte sich auf ihre Art gegen die absehbare Stilllegung: Sie ging auf den letzten KA-Metern kaputt und erreichte mit Müh und Not den Königswalder Bf. Von dort musste sie mit einer zweiten Maschine abgeholt werden.

[46] Die letzte „richtige“ Übergabe mit Last und Dieseltraktion ist am Gasthaus Morgensonne angekommen. Mit letzter Kraft wird Königswalde erreicht werden, dann heißt es: „Ersatzlok anfordern!“

Letzter Zug als Gmp am 30.12.1994

Der 30. Dezember 1994 ging als unwiderruflich letzter Betriebstag in die Geschichte der KA ein. Der VSE organisierte für die Abholung der letzten drei Ea-Wagen vom Schrotthändler (Beladen wurden diese übrigens nicht mehr!) etwas Besonderes: 86 1001 bespannte das letzte Zugpaar als Gmp. Sie erreichte Buchholz von Schwarzenberg kommend mit zwei Bghw und einem Bdghwe. Interessierte konnten für 50 Mark mitfahren. Zu Fotozwecken bzw. „zur Sicherung der Übergabefahrten“ waren in Buchholz neben dem Begleiterwagen noch Güterwagen (ein Res, ein Fcs, ein K, ein Gbs und ein Es) angehängt worden. Ein weiterer Es mit Kohle für die Schmalspurbahn wurde in Cranzahl abgesetzt.

[a] Werbeannonce im Preß’kurier (Heft 21) und Bericht im Heft 22

Das Personal am letzten Tag: Rangierleiter: Andreas Langer, Zugführer: André Nestler (letzte Zuglaufmeldung nach Königswalde) / Jochen Weber (Reisezug), Lokführer: Ralf Schlentzek, Heizer: Fritz Ficker.

[47] Nach dem Fahrtrichtungswechsel in Königswalde (Erzgeb) ob Bf: Ein letztes Zp 9 zur oberen Stadt! Bemerkenswert sind die DB-Kekse an den Bghw-Wagen, obwohl der VSE den vorderen schon mit seiner typischen Lackierung (schwarzer Rahmen) versehen hat.
[48] Ein letztes Mal war 86 1001 mit ihrem „Gmp“ vor der Kulisse des Pöhlbergs in die obere Stadt unterwegs.
[49] Nach der Ankunft im oberen Bahnhof holt 86 1001 die drei letzten Wagen aus dem Anschluss Schrott. Allerdings war selbiger nicht mehr in diese Wagen verladen worden, was in der offiziellen Geschichtsschreibung bisher unerwähnt blieb. An Fracht gab es für das Übergabezugpaar an diesem Tag lediglich Kohle für Cranzahl und retour Holz aus Bärenstein … und einige Eisenbahnfreunde.
[50] Reichlich Getümmel auf dem oberen Bf vor der Abfahrt des letzten Zuges.
[51] Die letzten Amtshandlungen im oberen Bf sind sehr gut dokumentiert. André Nestler obliegt die letzte Zugmeldung, dann heißt es: Licht aus und abschließen.
[52] Um 11:00 Uhr heißt es zum wirklich letzten Mal im oberen Annaberger Bahnhof: Abfahrt! Zugführer Weber hebt die Kelle, und der Rest ist Geschichte.

Auf der Rückfahrt holte man in Bärenstein noch zwei mit Holz beladene Ea ab.

Nach der Stilllegung

Reaktivierungspläne der BVO Bahn

Im Sommer 1999 wurde ein ambitioniertes Vorhaben der BVO Bahn GmbH publik: Die 750-mm-Strecke Cranzahl – Oberwiesenthal (CW-Linie) sollte von Cranzahl nach Annaberg verlängert werden. Die Idee sah ein ca. 4,5 km langes Dreischienengleis mit der WA-Linie von Cranzahl bis kurz nach der Unterquerung der B 95 vor. Anschließend würde die Schmalspurbahn die WA-Trasse in nördliche Richtung verlassen, und den Bf Königswalde (Erzgeb) ob Bf sozusagen rechts liegenlassen. Weiter ginge es für die Schmalspurzüge auf der „umgenagelten“ KA-Trasse bis in Höhe EIA / Kätplatz. Die Kosten wurden 2000 mit 15 bis 20 Mio. DM veranschlagt. Bei der Sanierung des Abschnittes Königswalde – Cranzahl im Herbst 2002 kamen herkömmliche Betonschwellen zum Einbau. Danach legte man das Projekt endgültig ad acta.

[53] So ähnlich hätte es aussehen können, wenn die Schmalspurbahn nach Ober-Annaberg verlängert worden wäre. (Cranzahl, 12/2010)

Meines Erachtens war das Projekt eine durchaus begeisternde Idee, die in etwas hoffnungsvolleren Zeiten als heute nicht unrealisierbar schien. Die KA-Trasse wäre in Kombination mit den dampfgeführten Schmalspurzügen eine herrliche „Aussichtsbahn“ geworden, die die „Hauptstadt des Erzgebirges“ um eine Attraktion reicher gemacht hätte. Problematisch wäre m. E. vor allem die hohe (zeitliche) Distanz auf der Gesamtstrecke geworden. Von Annaberg bis Oberwiesenthal hätte man, zumindest im klassischen Dampfzug, rund zwei Stunden benötigt – zu lange für den durchschnittlichen Touristen, für den nicht allein der Weg das Ziel ist. Potenzial für SPNV sehe ich kaum. Mutmaßlich hätte man sich auf Teilstrecken gegenseitig Fahrgäste weggenommen. Umliegende Museumsbahnen werden um das Scheitern des Projektes auch nicht endlos traurig gewesen sein …

Abbauchronik

  • 09. September 1995: Der bis zum letzten Fahrtag eingesetzte Zugbegleiterwagen (40-50-943 0950-8 ) wird von Annaberg-Buchholz unt Bf per Straßentieflader zum Modellbahnverein der Frohnauer Gartenbahn geschafft.
[54] Der Begleitwagen an seinem langjährigen Ruheplatz am Frohnauer Altersheim. Später gesellte sich noch eine Kö hinzu. 2023 kommt er nach Grüna ob Bf.
[55] Im selben Monat, in der Woche vom 11.-15. September 1995, demontiert die IGP mithilfe von Lehrlingen der Berliner S-Bahn die Gleise der Anst EIA.
[56] 22. Oktober 1995: Gleissperre, Sh2-Scheibe und Schwellenkreuz sichern in Königswalde ob Bf den Abzweig der KA-Linie ab.
  • 20. November 1995: Umwandlung von Königswalde ob Bf in einen Haltepunkt. Alle Einfahrsignale werden für ungültig erklärt („ausgekreuzt“).
[57] Das für ungültig erklärte Einfahrsignal C am 20. Januar 1996. Wenig später wird ein privater Sammler den Flügel holen. Der Signalmast wird 1999 nach Herold umgesetzt.
[58] Juli 1996: Die erste Gleislücke ist im Zuge einer Ampelinstallation B 95 Ecke Parkstraße entstanden.
  • 07/1999: Oberbauerneuerung auf der WA-Linie zwischen Bärenstein und Königswalde, dabei wird der ob Bf in Königswalde komplett zurückgebaut. Das Kurbelwerk gelangt nach Großvoigtsberg.
[59] Der Altschotter des Streckenabschnitts Bärenstein – Königswalde wurde im Bereich des ob Bf zwischengelagert und in einer mobilen Siebanlage gereinigt und getrennt. Die Schwellen der abgebauten Bahnhofsgleise lagerte man zunächst auf dem Streckengleis der KA. Die Schienen wurden in 1,5-m-Stücke zerschnitten und zur Aufnahme von Betonplatten – zur seitlichen Abstützung des Gleisbettes entlang des sanierten WA-Abschnitts – wiederverwendet.
[60] Das Königswalder Kurbelwerk an seinem neuen Platz im Bf Großvoigtsberg und die Bergung des Nullsteins der KA in Königswalde im Sommer 1999.
  • 11/1999: Ein Großfeuer zerstört einige Gebäude im Umfeld des ob Bf in Annaberg.
  • Jahresbeginn 2000: erste Rückbaumaßnahmen in Annaberg-Buchholz ob Bf: Demontage von Weiche 1 und 6 und Kopfsteinpflaster der Ladestraße
[61] Nur rund ein Jahrzehnt liegt zwischen dieser Gegenüberstellung: Schwaden von Kohlenstaub überzogen viele Jahre lang das Umfeld des oberen Bahnhofs. Im Mai 2000 ist sein Abbau in vollem Gange.
[62] 05/2000 bis 10/2000: Kompletter Rückbau Annaberg-Buchholz ob Bf, auch die Gebäude und Ladestraße verschwinden. Selten hat man bei einem Bahnhof in so kurzer Zeit nahezu alle Spuren konsequent beseitigt! Letzter Zeuge bleibt das ehemalige Bahnwärterwohnhaus, siehe [29].
  • 04/2001: Gleisrückbau durch die IGP zwischen Parkstraße und Alte Poststraße, für einen geplanten Ausbau der B 95 soll die Bahntrasse vereinnahmt werden
  • Jahresanfang 2002: Das Gelände des ob Bf wird zur Ablagerung von Schneemassen genutzt.
  • ab 09/2006: Freischnitt und Demontage des Streckengleises ab EIA bis Königswalde
  • 09/2007: Für den Neubau der B 95 entsteht eine einspurige Ersatzstraße auf der Bahntrasse zwischen Parkstraße und Alte Poststraße
[63] Die Ersatzstraße auf der KA-Trasse in Höhe Kätplatz während der B 95-Erneuerung.
  • ab Sommer 2008: Ausbau der Trasse zum Rad- und Wanderweg bis Ende 2009
[64] Zunächst wurden die unliebsamen Bahnübergänge herausgerissen. Der Vergleich an der Annaberger Straße in Cunersdorf in Richtung Annaberg 2000 und 2026.
[65] 2023 wechselte das Maskottchen der KA-Linie, der Zugbegleiterwagen 40-50-943 0950-8, seinen Standort von Frohnau nach Grüna. Seinen zahlreichen Schmuck (vgl. mit [17]) hat er schon vor Jahren verloren.
[66] Es bleibt, die Eisenbahn in die obere Stadt in guter Erinnerung zu behalten, solange es geht! In Gedenken an ihre Fürsprecher, ihre Erbauer und die vielen Eisenbahner, die einst einen großen Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung des oberen Erzgebirges hatten.

Abkürzungsverzeichnis

  • AF = Strecke Annaberg-Buchholz unt Bf – Flöha
  • Anst = Anschlussstelle
  • BÜ = Bahnübergang
  • Bw = Bahnbetriebswerk
  • CW = Strecke Cranzahl – Oberwiesenthal
  • EBA = Eisenbahn-Bundesamt
  • EIA = Elektroinstallation Annaberg
  • EÜ = Eisenbahnüberführung
  • Gbf = Güterbahnhof
  • Gmp = Güterzug mit Personenbeförderung
  • IGP = Interessengemeinschaft Preßnitztalbahn e. V.
  • KA = Strecke Königswalde (Erzgeb) ob Bf – Annaberg-Buchholz ob Bf
  • Kät = größtes Volksfest im Erzgebirge (mutmaßlich erzgebirgische Mundart für Dreieinigkeitsfest)
  • Ldst = Ladestelle
  • Lkw = Lastkraftwagen
  • P+R = Park & Ride
  • SPNV = Schienenpersonennahverkehr
  • TE = Triebfahrzeugeinsatzstelle
  • Tf = Triebfahrzeugführer (vormals: Lokführer)
  • VSE = Verein Sächsischer Eisenbahnfreunde e. V.
  • WA = Strecke Weipert/Vejprty – Annaberg-Buchholz unt Bf
  • WK = Wagenkasten
  • WKw = Strecke (Wiesenbad -) Abzw Plattenthal – Königswalde (Erzgeb) unt Bf

Quellenverzeichnis & Literaturhinweise

Der Autor bedankt sich recht herzlich bei den Herren Mirko Grund, Stephan Häupel, Uwe Höffgen, Danny Markert, Ronny Preußler, Toralf Schöniger, Uwe Schulze, Falk Thomas und Andreas Wendler für das zur Verfügung gestellte Bildmaterial! Besonders hervorgehoben sei an dieser Stelle Danilo Grund, der mir sein umfangreiches Archiv zur Strecke mit zahlreichem Bild- und Datenmaterial zugänglich gemacht hat.

Streckenjubiläen im Erzgebirge

Teil 1: Zwönitz – Scheibenberg (125 Jahre)

Teil 2: Flöhatalbahn (150 & 130 Jahre)

Teil 3: Chemnitz – Aue – Adorf (150 Jahre)

Teil 4: Annaberg „obere Stadt“ (Sie befinden sich hier)

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