Spurensuche im Gottleubatal (PGl-Linie)
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Dieser Beitrag widmet sich der Nebenbahn von Pirna nach Gottleuba. Vor 50 Jahren, am 01. April 1976, wurde der obere Abschnitt stillgelegt und bald darauf abgebaut. Die untere Streckenhälfte im Pirnaer Stadtgebiet hielt sich rund 20 Jahre länger.
Die Historie in Kurzform
Die Strecke entstand in zwei Etappen: Zunächst nahm man am 19. Juli 1880 die Sekundärbahn Pirna – Berggießhübel feierlich in Betrieb (PB-Linie). Den Terminus Sekundärbahn verwendeten die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen ab 1869 für Strecken untergeordneter Bedeutung, die durch Einsparungen bei Bau und Betrieb einen vereinfachten und somit rentablen Betrieb ermöglichen sollten. Die PB-Linie war die erste Regelspurstrecke bei der dieses Konzept konsequent umgesetzt wurde. Die gesamte Verwaltung der Strecke oblag einem Beamten, dem Bahnverwalter. 1905 erfolgte die langersehnte Verlängerung nach Gottleuba, wo der Regelbetrieb am 01. Juli Fahrt aufnahm. Damit ergab sich für die nun PGl abgekürzte Linie eine Streckenlänge von 17,7 km. Ursprünglich war eine grenzüberschreitende Verbindung nach Böhmen angestrebt, allerdings unterblieb dies.
Die Strecke war mehrmals von schweren Hochwassern heimgesucht und teilweise zerstört worden. Am verheerendsten am 08./09. Juli 1927. Die zahlreichen Gleisanschlüsse und der aufkeimende Ausflugsbetrieb machten die Strecke im Güter- und Reiseverkehr äußerst profitabel, sodass die Schäden stets aufwändig beseitigt wurden. Hervorhebenswert ist der Sandsteintransport aus den Brüchen um Neundorf und Rottwerndorf.
Seit den frühen 1960er-Jahren wollte man die Strecke loswerden und zunächst den Reiseverkehr auf Busbetrieb umstellen. Durch Proteste der Einheimischen konnte dies bis 24. August 1970 hinausgezögert werden. Bis Oktober 1973 lief noch der SEV, ehe der Kraftverkehr endgültig übernahm. Der Güterverkehr nach Gottleuba erlebte durch den Talsperrenbau einen letzten Aufschwung. Am 01. April 1976 wurde der Abschnitt km 10,5 (nahe Langenhennersdorf) – Gottleuba endgültig aufgegeben. Der Abbau in Gottleuba begann noch im selben Monat. Der VEB Hartpappenwerk bei Langenhennersdorf wurde noch rund ein Jahr weiter bedient, ehe der Rückbau schließlich 1980 den km 8,3 in Pirna-Neundorf erreichte. Der untere Abschnitt wurde hingegen 1976 ertüchtigt. Er konnte bis 1991 noch regen Güterverkehr vorweisen, ehe zum Jahresende 1997 endgültig Schluss war und 1999 bis 2002 der Gleisrückbau vollzogen wurde. 1993 und 1995 kamen noch einmal Sonderreisezüge in Form von LVT der BR 771/772 auf der Strecke bis Rottwerndorf bzw. Neundorf zum Einsatz.
Streckenbeschreibung
Insbesondere im Pirnaer Stadtgebiet wird gegenwärtig nicht auf alle Stationen eingegangen, was womöglich in Zukunft nachgeholt wird. Auch die zahlreichen Gleisanschlüsse werden nur teilweise einbezogen. Für ein genaueres Studium seien die Links im Quellenverzeichnis empfohlen.
Der Bf Pirna wird südwärts im Linksbogen verlassen, unmittelbar vorbei an den Bw-Anlagen mit Rundlokschuppen (heute steht dort die ITL-Werkstatt). Seit den 1930er-Jahren war der Güterbahnhof mit einer Verbindungskurve direkt an die PGl/PGc angeschlossen. Im Stadtgebiet von Pirna bzw. in den Ende 1923 eingemeindeten Vororten Rottwerndorf und Neundorf verläuft die Strecke meist unmittelbar neben der Hauptstraße durch mehr oder weniger dichte Industrie- und Wohnbebauung. Dann folgt bis Berggießhübel ein wildromantischer Teil durch das nun engere Tal der Gottleuba, die vor und nach der Station Langenhennersdorf auf zwei größeren Brücken überquert wird. Nach steigungsreicher Fahrt durch Berggießhübel verläuft die Strecke parallel zur Straße im nun wieder weiteren Gottleubatal bis zum Ortseingang von Gottleuba.
Abzw Pirna Süd & Hp Pirna Süd (km 1, 704 PGl/PGc & 1,879 PGl; 1,867 PGc)
Mit Inbetriebnahme der Stichbahn nach Großcotta (1894) entstanden diese beiden Betriebsstellen. Bis dahin hatte es bei km 2,00 PGl einen Haltepunkt Pirna Haltestelle gegeben. Für einen Hp vergleichsweise großzügig war das EG in Pirna Süd.

Während die PGc zunächst dem Tal der Seidewitz folgt, quert die PGl diese noch im Haltepunktbereich (EÜ Seidewitz; km 1,936 PGl). Diese Brücke ist beim Hochwasser im August 2002 schwer beschädigt worden. Behelfsmäßig konnte die Flußquerung noch bis 2022 von Fußgängern genutzt werden.
EÜ Gottleuba (km 2,594 PGl)

Pirna Ost / Gleisreste in Pirna

Bf Pirna-Rottwerndorf (km 6,455 PGl)
Rottwerndorf war ein Zwischenbahnhof, der kontinuierlich wuchs und durch die Aktivitäten der Wismut und der umliegenden Industrie zum größten und langlebigsten der PGl wurde. Die Dimensionen des Bahnhofs kann man heute noch anhand des bewaldeten Brachlands erahnen. Die größte Erweiterung erfuhr der Bf Mitte der 1960er-Jahre im Zuge der Uranerzförderung durch die SDAG Wismut in Königstein/Leupoldishain. Rottwerndorf wurde als zentraler Erzverladebahnhof auserkoren. Das Erz gelangte über eine 4,4 km lange Seilbahn vom Bergwerk zum Bahnhof, ehe man 1983 die Fördermethode umstellte. In Spitzenzeiten verließen täglich sieben Erzzüge à 13 Wagen den Bf in Richtung Seelingstädt/Crossen zur Aufbereitung. Die Entladung von Zement-Ganzzügen war Mitte der 1990er-Jahre die letzte große Aufgabe.


Hp Pirna-Neundorf (km 7,59 PGl)

EÜ Gottleuba (km 8,362 PGl)
Diese Gottleubabrücke verdient Beachtung, da sie im Zuge des Hochwasserschutzes 1957-62 eine äußerst seltene Bauform erhielt. Jens Herbach dazu:
Aus Gründen des künftigen Hochwasserschutzes wurde der Flussbogen der Gottleuba aufgeweitet, so dass einige Meter nördlich der alten Brücke eine schiefwinklige Kreuzung mit der im gleichsinnigen Bogen verlaufenden Bahnstrecke entstand. Ausgehend von mehreren Entwürfen entschied man sich für einen Hohlkastenträger, der an zwei Portalstützen aufgehängt wurde – eine in Sachsen einmalige Konstruktion. Das neue Bauwerk entstand praktischerweise „auf dem Trockenen“ und konnte 1962 übergeben werden. Erst danach verlegte man das Flussbett.[a]
Die Brücke bildete 1980 die Grenze des Gleisabbaus und ist leider, abgesehen von den Widerlagern, seinerzeit entfernt worden.

EÜ Gottleuba (km 11,443 PGl)
Ursprünglich war diese Flussquerung 1879/1880 als vierbogige Sandsteinbrücke errichtet worden. Im Juli 1897 bereits von der Flut beschädigt, war das 30 Jahre später folgende Hochwasser der Anlass, die Brücke zu ersetzen. Der 1928 fertiggestellte Ersatzneubau aus Stahlbeton hat zwei Bögen mit 30,8 und 22,7 m Weite. Neben dem Südwiderlager steht noch das Widerlager der alten Brücke.

Bf Langenhennersdorf (km 11,658 PGl)
Während der Anschluss der benachbarten Papierfabrik bis 1976 blieb, verlor der Bf spätestens mit der Reiseverkehrseinstellung seine Nebengleise und galt als besetzter Hp.



EÜ Gottleuba (km 12,025 PGl)


Gelenke an einer Steinbrücke? Zitieren wir dazu aus gottleubatalbahn.de:
Die Idee war, Risse zu verhindern, die beim Setzen der Brücke während und nach dem Bau entstehen können. Dafür baute man in die Widerlager – das sind die Stützen an den Enden der Brücke – spezielle Gelenke ein. Eine Steinreihe bekam eine nach innen gewölbte (konkave) Fläche, die darüberliegende eine nach außen gewölbte (konvexe). Wenn man genau hinschaut, sieht man am nördlichen Brückenende, wie diese Steine ineinandergreifen und so das Gelenk bilden.
Leider funktionierte die Idee in der Praxis nicht so gut wie erhofft. Der Stein war einfach zu rau, um sich wie gewünscht zu drehen.
Trotzdem ist die Brücke in Langenhennersdorf etwas Besonderes: Sie ist eine der wenigen, die diese aufwendig gemachten Gelenke noch hat. Außerdem hat sie vier große Hochwasser überstanden – 1897, 1927, 1957 und 2002. Heute steht sie als technisches Denkmal unter Schutz.[c]
Bf Berggießhübel (km 14,927 PGl)
Auch die Station des ersten sächsischen Kneippkurortes war ab 1969 lediglich noch ein besetzter Hp und hatte in den 1970er-Jahren keine Bedeutung mehr für den verbliebenen Güterverkehr.




Da sich vor und nach dem Kurbad zwei unbeschrankte Bahnübergänge befanden, und die Lokomotiven vorschriftsgemäß läuteten, beschwerten sich in den 1930er-Jahren vermehrt Kurgäste über die „Lärmbelästigung“.
EÜ Berggießhübel (km 15,146 PGl)
Dieses kleine Viadukt mit fünf Bögen befindet sich in der Bahnhofsausfahrt von Berggießhübel in Höhe Kurbad. Hier war mit 1:37 die größte Steigung der PGl.

EÜ Gottleuba (km 15,486 PGl)

Hp Giesenstein; EÜ Gottleuba (km 16,586; 16,848 PGl)

Bf Gottleuba (km 17,607 PGl)
Oft gab es Kritik am sehr einfach gehaltenen EG und der insgesamt spartanischen Ausstattung des Bf, was einem Badeort nicht würdig sei. Es gab nur kleinere Erweiterungen. Zunächst hemmte ein möglicher Streckenweiterbau gen Böhmen, später die beiden großen Kriege, den großzügigen Ausbau der Endstation. In den 50er-Jahren wurde der Gleisplan verschlankt. 1967-69 gab es nochmals Erweiterungen, u. a. einen Portalkran und ein Großsilo am verlängerten Ladegleis.






Sämtliche Gegenwartsaufnahmen entstanden am 15. bzw. 18. März 2026.
Zum Fahrzeugeinsatz
In den Anfangsjahren bestanden die stets als gemischte Züge verkehrenden Garnituren aus zweiachsigen Fahrzeugen. Zum Einsatz kamen u. a. die sächsischen VII TS, VII T und IIIb T als Triebfahrzeug. Nach der preußischen T9.3 (BR 91.3) wurde die Strecke eine Domäne der BR 86, die auf der Zielgeraden noch durch die V 100 / BR 110 verdrängt wurde. Bis zur Einstellung des Reiseverkehrs waren unter den Personenwagen Exoten im Einsatz. Darunter ein aus Elsaß-Lothringen stammender vierachsiger Großraumwagen (C4i). Erst kurz vor Schluss mischten auch Bag/Baag (Reko-Zwei- & Dreiachser) und bei einem Zugpaar die LVT der BR 171/172 mit. Für die Wismut-Erzzüge kamen vorrangig die BR 50, 52, 58.30 und zuletzt 118 (vormals V 180) zum Einsatz. Den verbliebenen Übergabeverkehr bis 1997 bestritt die BR 346 (vormals 106 / V 60).

Abkürzungsverzeichnis
- Bf = Bahnhof
- EG = (Bahnhofs-)Empfangsgebäude
- EÜ = Eisenbahnüberführung
- Hp = Haltepunkt
- Hst = Haltestelle
- LVT = Leichtverbrennungstriebwagen.
- PB = Strecke Pirna – Berggießhübel
- PGc = Strecke Pirna – Großcotta
- PGl = Strecke Pirna – Gottleuba
- SEV = Schienenersatzverkehr
- VEB = Volkseigener Betrieb (Rechtsform in SBZ und DDR für Industrie- und Dienstleistungsbetriebe)
- Wg = Wirtschaftsgebäude
Quellen- & Literaturverzeichnis
- Fischer, Rainer (1995). Sekundärbahnen von Pirna nach Großcotta und Gottleuba. Nordhorn: Kenning (vergriffen)[d]
- Herbach, Jens: Pirna – Gottleuba[a]
- namsos (2021): Mit der IBSE unterwegs Teil 7 1995 Raum Pirna (Drehscheibe Online)
- Nitsche, Tobias: www.gottleubatalbahn.de | Vieles zur Eisenbahn im Gottleubatal[c]
- Railroadpics: Mitfahrt auf einer 346 von Pirna-Neundorf bis Pirna (1994) (YouTube)
- Satzer, Gerhard (1976): Eine bemerkenswerte Brücke. In: der modelleisenbahner 9/76. S.257ff.[b]
- Wikipedia: Bahnstrecke Pirna – Gottleuba, letzter Abruf 2026-03-19
Ein herzlicher Dank an Dr. Manfred Meyer für die zur Verfügung gestellten historischen Bilddokumente[1][8][21].
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