106 264-5 – eine Hommage

Eine Hommage bezeichnet üblicherweise einen öffentlichen Ehrenerweis für eine berühmte Persönlichkeit, der man sich verpflichtet fühlt. Diese hier dient jedoch einem Stück vergangener Eisenbahn, genauer einer bestimmten Lok, welche aktuell durch eine jüngere Schwester wieder in den Blickpunkt gerückt wird.

Seit dem vergangenem 6. Dresdner Dampfloktreffen (in zweiter Auflage) vom 11. bis 13.04.2014 ist es offiziell, dass die Regio Infra Service Sachsen GmbH (RISS) ihrer V60 – 345 119-2 – den Künstlernamen “V60 1264” als Zweitbesetzung verliehen hat. Die Loknummer V60 1264 wurde in Anlehnung der ehemaligen Karl-Marx-Städter/Chemnitzer Stammlok gewählt. Dazu später mehr.

Die 105 119-2 (ab 1992: 345 119-2) wurde 1981 beim VEB Lokomotivbau Elektrotechnische Werke “Hans Beimler” Hennigsdorf (LEW) unter der Fabriknummer 17564 erbaut und kam nach der Abnahme am 06.10.1981 im Bw Görlitz erstmalig zum Einsatz. Weitere (nord-)östlich von uns liegende Bahnbetriebswerke, wie Cottbus, Senftenberg oder Seddin, folgten.

Ihre letzte Untersuchung erhielt 345 119 im Aw Chemnitz am 11.12.2000, bevor sie am 07.08.2002 z-gestellt und am 01.12.2003 ausgemustert wurde. Ihr Leben endete nicht unter dem Schneidbrenner, denn ab Dezember 2003 verdingte sie sich bei PE Cargo GmbH, Putlitz ihr weiteres Dasein. Bis zum Verkauf durch ihren letzten Besitzer (Herrn Müller) am 31.01.2013 war der Werdegang der Lok geprägt von Einsätzen in der ganzen Bundesrepublik, bei verschiedenen Mietern unter der UIC Nummer 98 80 3 345 119-2 D-HCM (HCM steht für Hans-Christian Müller) und in der, 2000 erfolgten, verkehrsroten Lackierung.

Nach dem Kauf durch die RIS erfolgte am Mittwoch, dem 13.11.2013 in Zusammenarbeit mit dem Netinera Bahnwerk Neustrelitz die Abnahmefahrt der nun offiziell als 98 80 3345 119 – 2 D_RIS (345 119) bezeichneten Diesellokomotive auf der Strecke Stollberg (Sachs) – Glauchau.

Bevor es die RIS-V60 nach Freiberg verschlug, hatte sie schon ihre ersten Einsätze in näherer und fernerer Umgebung ihres neuen Heimatstandortes und konnte bildlich mehrmals festgehalten werden. Am Freitag/Sonnabend, den 10./11.01.2014 wurde sie das erste Mal vor dem Papierzug von und nach Weißenborn eingesetzt.

Am 16.01.2014 rangierte 345 119-2 Wagen für die Übergaben nach Dresden Friedrichstadt und Weißenborn im Freiberger Bahnhof. Das graue Fahrwerk lässt darauf schließen, dass man die Lok anfangs in Epoche IV herrichten wollte. Die Maschine blieb vorerst bis Mitte März diesen Jahres auf der Strecke zur Papierfabrik im Einsatz, bevor sie zu Neulackierung wieder nach Chemnitz abgezogen und durch die Stammlok 202 481-8 ersetzt wurde. Während links noch das große “Wodkageländer” vorhanden ist, hat man an der rechten Stirnseite schon wieder die alten Rangiergeländer montiert.

Nach ihrer angestrebten Neulackierung und deren Fertigstellung Anfang April, sollte sie am 10.04.2014 ihr Domizil verlassen und als Vorspannlok vor dem Leerpark von Dampf Plus von Neukirchen-Klaffenbach/Chemnitz Hbf nach Dresden Altstadt präsentiert werden. Bevor es soweit war, musste sie für die standesgemäße Vorbeifahrt der Glauchauer Überführung (ebenfalls nach Dresden) in Position gebracht werden, kleinere Rangierbewegungen gingen dem voraus.

Noch ohne Fliegensch… steht sie fein heraus geputzt vor der ehemaligen Waage und harrt der Dinge, die ihr wenige Stunden später bevorstehen werden.
An der Aw-Zufahrt sah es so aus, als käme sie von einer Raw-Probefahrt nach großer Instandhaltung (mindestens eine V6a) zurück.
Passend und schick steht sie neben Zeitzeugen aus vergangenen Tagen, als der Ausbesserungskomplex noch Werklokomotiven sein Eigen nennen durfte.
Gegen 13.40 Uhr war es soweit: Nach der RB 17221 (Zwickau – Dresden) gezogen von 143 585-8, verließ die PRESS 01 0509-8 mTv mit dem VSE-Wagenpark und der Schiebelok 118 770-7 den Chemnitzer Hauptbahnhof, um wenige Minuten später an “V60 1264‘‘ vorbei zu fahren.
Wegen Unwegbarkeiten im Vorfeld der Überführung aus Neukirchen Klaffenbach, verspätete sich die Vorspannleistung ab Chemnitz Hbf um gut zwei Stunden, was der Sonne die Gelegenheit gab, die Maschine im schönsten Abendlicht vor dem Verwaltungsgebäude des ehemaligen Raw “Wihelm Pieck” Karl-Marx-Stadt/Aw Chemnitz, auszuleuchten.
Nach Abfahrt des Leerparks in Chemnitz gab es einen Durchmarsch bis Klingenberg-Colmnitz, wo eine Überholung des RE 3457 aus Nürnberg nach Dresden mit 612 153 und 612 082 erfolgte. In Kilometer 58,4 DW vor Oederan wurde der Leerpark DLr 20295 während der Durchfahrt dieser LPG-Wegüberführung abgepasst.
Als ich zum letzten Mal den Auslöser meiner Kamera betätigte und die als Zuglok fungierende 52 8079-7 hinter der 345 119-2 verschwand, sah es so aus, als ob die V60 mit Wassereinbruch zu kämpfen hatte. 😉

Die DR-V60 in “Epoche III” – Original und Nachbildung im Vergleich

Um den Beitrag zusammenhängend fortzuführen, möchte ich vorher einen optischen Vergleich zwischen der umgestalteten Maschine und einer aus der Epoche III mit einer Aufnahme von V60 1221 aus dem Jahre 1964 einleiten. Die Unterschiede zwischen der damaligen und der heutigen Zeit sind durchaus auch für den Laien erkennbar.

Aus Mangel an einer Aufnahme aus der Epoche III, möchte ich den optischen Vergleich zwischen der V60 1264“ von 2014 und der V60 1221 aus dem Jahre 1964 anstellen.

V60 1221 wartet in Freiberg auf weitere Rangieraufgaben, die es zur damaligen Zeit noch reichlich gab.
V60 1221 wartet in Freiberg auf weitere Rangieraufgaben, die es zur damaligen Zeit noch reichlich gab.

Im Vergleich zu den vorangegangenen Aufnahmen fallen einige Unterschiede zu einer “echten” Lok aus Epoche III ganz deutlich auf:
– Kunstleder an der Kühlerjalousie (kannte ich auch noch von der 106 501)
– Gitter bzw. Schlitze an den seitlichen Vorbautüren (bei Original Gitter)
– Dachschräge über der Führerstandtür (bei Original nicht)
– Form des Typhons (Original mit 90°-Krümmung)


Jeder soll sich sein Urteil darüber selbst bilden. Zum Aussehen gab es schon einige Reaktionen; vom Zirkuspferd bis zum gängigen Kompromiss. Die Punkte 1 und 4 sollen bei 345 119 in naher Zukunft noch “nachgebessert” werden. Nichtsdestotrotz kann die “Reinkarnation” wohl von allen Nicht-Nietenzählern als gelungen bezeichnet werden.

Die “echte” V60 1264/106 264-5

Die Nummernspenderin erblickte 1965 beim LEW Hennigsdorf mit der Fabriknummer 10960 das Licht der Welt. Ihre ersten Gehversuche hatte sie auf den Werkgleisen ihrer Geburtsstätte am 17.06.1965 und die darauffolgende Lastfahrt von Hennigsdorf über Kremmen, Nauen, Wustermark und zurück nach Hennigsdorf erfolgte am 22.06.1965.
Am 10.07.1965 wurde sie als V60 1264 bei der DR in Dienst gestellt und dem Bw Karl-Marx-Stadt Hbf zugeteilt. Zeit ihres Lebens blieb sie dieser Dienststelle (fast) treu. Im Jahr 1971 kam sie für wenige Tage zum Bw Reichenbach (Vogtl), vom 20.02. bis zum 16.03..

Die älteste in meinem Besitz befindliche Aufnahme datiert vom Juni 1983, wo 106 264-5 mit dem P 18720 Bra-F, im Bahnhof Brand Erbisdorf auf Gleis 2 abgelichtet wurde. Um 18.40 Uhr wird sie mit den zwei Klassen und dem obligatorischen Begleiterwagen die damalige Kreisstadt verlassen und nach den Unterwegshalten im Hp Zug und im Trennungsbahnhof Berthelsdorf (Erzgeb) 18.55 Uhr den Bahnhof Freiberg erreichen. In den Sommermonaten kam es des Öfteren vor, dass anstatt der vorgesehenen 110er eine 106er den Zugverkehr nach Langenau und zurück bewältigte. Wegen der fehlenden Heizmöglichkeiten brauchte sich der Lokleiter in der TE Freiberg in den warmen Monaten keine Sorgen zu machen und konnte entspannt die frei gewordenen bzw. auch nicht zur Verfügung stehenden 110 kurzfristig für Dispatcherdienste einteilen oder für die Werkstatt frei halten.
Ihren täglichen Diesel verdiente sie sich als “wilde Lok” nicht nur auf den planmäßig besetzten Rangierdiensten, wie die Ost- und Westseite im Freiberger Bahnhof bzw. im Ostbahnhof (an der FH-Linie nach Halsbrücke), sondern auch vor Übergaben auf den umliegenden Neben- und Hauptstrecken. Im zeitigen Frühjahr des Jahres 1988 brachte sie einen Zug mit Blumenerde in das Heizkraftwerk nach Brand-Erbisdorf …
… und wird von 110 064-3 am Ende der Leine mächtig unterstützt.

Drei Jahre später sah ich die ewige wilde Freiberger Lok in Ostbahnhofer Diensten des Öfteren:

Hier als Vorspanne vor 106 369-2 im Mai 1991 im Freiberger Stadtgebiet vor einem Kohlezug zum 1985/86 erbauten Heizkraftwerk Nord, das nur wenige Jahre existent war bzw. nur sechs davon per Bahn beliefert wurde. Heute erinnert nichts mehr daran und der Bauer pflügt wie eh und je dort sein Feld.
Ab dem Freiberger Ostbahnhof erfolgte die Zustellung des Kohlenzuges in zwei Fahrten, wo ich eine an den Halden nahe der Reichen Zeche abpasste. 106 264-5 wird mit der Kulisse der Freiberger Altstadt gebührend umrahmt.
Wenige Minuten später erwartete ich sie am Überweg Tuttendorfer Weg mit dem seit 1965 bestehenden Anschlußgleis zum Deutschen Brennstoffinstitut Freiberg.
Am 10.10.1991 rangiert “unsere 264” auf dem Freiberger Ostbahnhof, da die Stammlok 106 501-0 zum besagten Tag nicht zur Verfügung stand. Heute säumen hier haushohe Bäume das Gleisareal.
Im Januar 1992 traf ich sie an selbiger Stelle, nun mit geklebter Nummer ‘346 264-5’ am noch heute existierenden Lehrbergwerk Reiche Zeche an, das den Hintergrund meiner Aufnahme abrundete.
Im November 1992 bediente sie den Anschluß “Schrott” (Metallaufbereitung Zwickau GmbH Niederlassung Freiberg) am Knappenweg zwischen den Bahnhöfen Freiberg und Freiberg Ost gelegen …
… und kam nach erledigter Arbeit als Lz zurück zum Bahnhof Freiberg Ost. Hier hatte sie schon das Esig des Bahnhofes passiert und unterquert eine damals noch allgegenwärtige Heiztrasse vom HKW in der Hütte Freiberg, einst VEB Bergbau- und Hüttenkombinat „Albert Funk“, zu einem der vielen zu versorgenden Betriebe in der Stadt.

Die letzte Rev 7 im Raw Karl-Marx-Stadt datiert vom 05.01.1988, die letzte Br Rev erfolgte dann am 29.10.1992.

Ihre z-Stellung erfolgte noch vor dem Zusammenschluss beider deutscher Bahnen, am 04.02.1993 und die Ausmusterung ereilte sie am 10.11.1994.

Am 19.02.1997 traf ich sie, flankiert von 202 611-0 und 228 622-7, auf dem Hilbersdorfer Rangierbahnhof ein letztes Mal an, wo sie stark gerupft auf ihr Schicksal wartete, was sie noch im selben Jahr im Aw Chemnitz ereilte.

Was bleibt von der 264?
Erlebte Erinnerungen, Geschichten, gute und schlechte Bilder, die heute aus Mangel an Nichtwiederholbarkeit sicher verwahrt werden, Kopien ihres Lebenslaufs und …

… eines von vier Lokschildern, die sie trug, um eindeutig als 106 264-5 erkennbar zu sein.

© 2014 Heiko Vogler

Quellen:
www.revisionsdaten.de
http://www.ris-sachsen.eu
zur Verfügung gestelltes Bildmaterial
Eigene Aufzeichnungen und Bildmaterial

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