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Epilog – meine Zeit als Parkeisenbahner im Küchwald

Die intensive Beschäftigung mit dem Thema PEC in den vergangenen Tagen ließ viele Erinnerungen wieder aufleben, so auch die an meine eigene gut fünf Jahre währende Zeit als aktiver Parkeisenbahner. Spontan habe ich mich dazu entschlossen, diese beiden eher sachlich angelegten Beiträge zur Parkeisenbahn mit einigen persönlichen Eindrücken ausklingen zu lassen:

Zu den prägenden Eisenbahnerlebnissen in früher Kindheit zählten sicher auch die Besuche der nahe des Elternhauses gelegenen Pionier- bzw. Parkeisenbahn. In den Jahren ab 1993 war die Parkeisenbahn zu meiner zweiten Heimat geworden. Nicht nur, dass meine Eltern und Geschwister zu regelmäßigen Besuchen und Mitfahrten genötigt wurden (meinen Vater musste ich dazu wohl nicht überreden), auch aus Lego-Bausteinen wurden alle Fahrzeuge nachgebildet, jeder Zeitungsschnipsel über die Bahn, jede Postkarte und jedes andere Souvenir wurden gesammelt. Aber auch das war nicht genug, denn mit einem pedalbetriebenen Bobby-Car-Kindertraktor und zwei angehängten alten hölzernen Handwagen hatte ich mir (mithilfe des Vaters) meine eigene kleine "PEC" erschaffen, mit welcher ich das kleine Schwesterchen oder den Nachbarskumpel durch die heimische Straße beförderte. Ein zweiter Traktor kam schnell hinzu, denn – na klar – es musste ja auch Zweizugbetrieb möglich sein, genau wie beim "großen" Vorbild. Das Läutewerk, das Typhon und der V10C-Sound wurden selbstverständlich mündlich nachgeahmt (sehr zum Leidwesen mancher Nachbarn...). Die aus heutiger Sicht doch sehr verbesserungswürdige Lego-Parkeisenbahn wurde sogar vom Spielzeughändler Thate mit einem ersten Preis gekürt.

Doch irgendwann war man den kleinen Traktoren und den Legosteinen allmählich entwachsen und der nächste Schritt konnte nur sein, richtiger Parkeisenbahner zu werden! Zähes Warten war zunächst angesagt, denn 1993 war ich definitiv noch zu jung. Drei Jahre später war mein Interesse an der Parkbahn zwar längst nicht mehr so intensiv, doch im Juli 1996 sollte es (ein Jahr eher als allgemein üblich) endlich so weit sein. Die ersten Tage im Dienst waren besonders aufregend: Endlich selbst Fahrkarten kontrollieren, eine Lautsprecherdurchsage machen oder im Zugschaffnerabteil Platz nehmen. Eine kleine Enttäuschung gab es dennoch: Die eigene Uniform bekam man planmäßig erst zur Winterpause nach der theoretischen Grundausbildung überreicht. Doch auch hier sollte die Ausnahme wieder die Regel bestätigen: Ein Mitstreiter (heute u.a. Besitzer eines aktiven Sechsachsers aus LEW-Produktion) und ich erhielten nach einem "Mini-Test" vom Bahnhofsleiter Mai die Uniform doch schon im Laufe der Fahrsaison 1996. Im Kleiderlager (damals noch im CVAG-Betriebshof an der Werner-Seelenbinder-Straße untergebracht) wurden am Folgetag passende Uniformen zusammengestellt (letztlich musste durch Umnähen nachgeholfen werden, ich war doch noch so klein ;). Die ersten Dienste in vollständiger Uniform – stolz wie Oskar – gaben der Sache nochmals Auftrieb.

Die Tätigkeit als Parkeisenbahner ist im Prinzip ein Ehrenamt, doch umsonst ist sie definitiv nicht. Nicht nur, dass man sich in den Sommerferien doch ein paar Mark verdienen konnte, die für uns kostenlosen (durch den Förderverein gesponserten) Exkursionen in den Winterferien, z.B. nach Nürnberg, München, Hamburg, Frankfurt/Main oder auch ins AW Chemnitz waren Lohn genug. (Mit dieser Einstellung war man aber wohl auch Ende der 1990er Jahre als Kind schon eher ein Sonderling, denn die meisten, religiös schon tiefer kapitalistisch orientierten Mitschüler kamen häufig als erstes mit der Frage: "Kriegt man das wenigstens bezahlt?" um die Ecke. Solche Leute konnte man für die Parkeisenbahn natürlich nicht gewinnen, spätestens ab der fünften Klasse galt das im Mainstream als eine verdammt "uncoole Sache".) Außerdem wurde einem durch Sommerfeste, Weihnachstfeiern und andere Versammlungen stets das Gefühl vermittelt, ernstgenommen zu werden und Teil eines großen Ganzen zu sein – eben eines Kollektivs – in meiner Zeit zum Glück schon ohne den politisch-ideologischen Überbau aus DDR-Zeiten.

Doch, wie es im Leben häufig so ist: Routine entzaubert vieles! War für mich als Siebenjährigen noch jede Rangierbewegung vor dem Lokschuppen ein Spektakel, so gehörten doch eher monotone Arbeiten wie Fahrkarten zu lochen und Zugnummern in Zugmeldebücher einzutragen bald zum nüchternen Tagesgeschäft. Freilich, der tägliche Wechsel der Dienstposten bietet eine gewisse Abwechslung, doch mancher Arbeit fühlte ich mich als eher spätzündender Neun-, Zehn- oder auch Elfjähriger noch nicht so recht gewachsen. So war zum Beispiel die abendliche Abrechnung im Fahrkartenverauf oder das Handeln abseits der Norm (z.B. bei Sperrfahrten oder Blockstörungen als Fahrdienstleiter/Blockwärter etc.) für mich damals einfach "zu hoch" und auch mit einer gewissen Versagensangst verbunden. Der Parkbahn verdanke ich u.a. die Erkenntnis, dass zwischen meinem Hobby Eisenbahn und dem Beruf des Eisenbahners doch ein paar wesentliche Unterschiede bestehen. Wochenenddienste sind auch bei der Parkeisenbahn nicht das größte Glück auf Erden, sondern eben auch eine, wenn auch vergleichsweise angenehme, Arbeit am Wochenende (Wer arbeitet schon gern am Wochenende?). Die Zeit bei der Parkeisenbahn war aber auch in anderer Weise eine gute Vorbereitung auf das spätere Erwachsensein. Man kommt mit vielen verschiedenen Menschen in Kontakt, eben dem breiten Spiegel der Gesellschaft, und das sowohl im Verhältnis Personal – Fahrgast/Kunde als auch unter Kollegen und Vorgesetzten: Da gibt es beispielsweise den ruhigen Sein-Ding-Macher und den laut-quäkenden Emporkömmling ohne viel Substanz dahinter, den Kumpeltyp und den Hinterhältigen, den altklugen Speichellecker und ab und an auch einen Kleptomanen ... Zu meiner Zeit war die Frauenquote wohl auch gerade am historischen Tiefpunkt angelangt: Wenn ich recht erinnere, waren 1996 von insgesamt 72 Parkeisenbahnern offiziell nur zwei weiblichen Geschlechts. (Das kann aber nicht nur an mir gelegen haben...) Nichtsdestotrotz, man musste mit allen zurechtkommen und zusammenarbeiten – und das funktionierte auch! Die Verantwortlichen wussten (und wissen vermutlich auch noch heute) mit einer gesunden Mischung aus Autorität und Empathie den heterogenen Kinderhaufen zu disziplinieren. Ordnung und Disziplin sind im Eisenbahnbetrieb freilich unerlässlich.

Lange Rede, kurzer Sinn: Nach gut fünf Jahren war mein Bedarf am Parkeisenbahnerdasein zum Jahreswechsel 2001/02 mehr als befriedigt. Ich blicke mit reichlich Abstand gern auf diese Zeit zurück. Heute, gut anderthalb Jahrzehnte später, wo schon mehrere nachfolgende Parkbahner-Generationen ihren Dienst verrichtet haben und die meisten Altvorderen von damals nicht mehr da sind. Die Parkeisenbahn war und ist eine tolle Freizeiteinrichtung! Ich wünsche ihr und den dort Aktiven allzeit gute Fahrt und widme allen ehemaligen und jetzigen Parkeisenbahnern und Parkeisenbahnerinnen diese beiden Beiträge.

M. Bergelt

© 2017 MBC

Fotos: Siegfried Bergelt/SBC, MBC

Literatur:

Beyer, Gerhard (2017): Vom Küchenwald des Klosters zum Küchwald-Park der Stadt. In: Chemnitzer Roland. Heft-Nr. 69 (24. Jahrg.). S.16-21.

Martin, Michael (1996): Die Pionier- und Parkeisenbahn Chemnitz und ihre Lokomotiven. Gesamtherstellung Michael Martin, Chemnitz.

Parkeisenbahn Chemnitz (Hrsg.) (2004): "50 Jahre zwischen Dampf und Diesel" Geschichte und Geschichten aus einem halben Jahrhundert Parkeisenbahn Chemnitz. Verlag Paarmann Printmedien.

Offizielle Webpräsenz: http://www.parkeisenbahn-chemnitz.de/

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