Zwischen 1880 und 1988 konnte man in Chemnitz (bzw. ab 1953: Karl-Marx-Stadt) auf Gleisen einer in Deutschland einmaligen Spurweite verkehren. Zunächst wurde die erste Strecke als Pferdebahn mit 915 mm (= 3 Englische Fuß) Spurweite eröffnet. 1893 ging mit der Strecke nach Altendorf die erste Elektrische in Betrieb. Später wollte man das wachsende Streckennetz sukzessive auf 1000 mm Spurweite verbreitern, es blieb aber bei dem ab 1908 eingeführten Maß von 925 mm. Die Entwicklung des Netzes ist von den Aufs und Abs im Zusammenhang mit den beiden Weltkriegen geprägt. 1914 belief sich die Streckenlänge auf 31,2 km, aufgeteilt auf acht Linien. Der Fahrzeugbestand umfasste seinerzeit 144 Triebwagen und 111 Beiwagen. Erst 1956 wurde beschlossen, die Spurweite auf Regelspur (1435 mm) zu erhöhen, was einem Komplettneubau gleich kam. Fortan wurde auf Verschleiß gefahren. Die letzten, großteils über sechzig Jahre alten, Schmalspurfahrzeuge verrichteten bis November 1988 ihren Dienst auf der verbliebenen Linie 3 nach Rottluff. Ein letztes Mal verkehrten Museumsfahrzeuge 1990 auf dem damals noch vollständig vorhandenen Innenstadtring anlässlich "110 Jahre Straßenbahn in Chemnitz". Die umgespurten und großteils neu trassierten Linien mit Stadtbahncharakter haben das alte Netz (bisher) nur in Teilen ersetzen können. Ein Großteil der Strecken blieb in der Hand des Omnibusses, was nur als Zwischenlösung gedacht war. Kurzum: Was war in jüngster Vergangenheit noch von der alten Tram zu sehen, und welches Relikt hat bis heute überlebt?

Im Stadtzentrum hat sich seit Ende der 1990er Jahre das Bild grundlegend verändert. Im April 1999 steht in der 1967 fertig gestellten großzügig angelegten Zentralhaltestelle noch dieser Ikarus 260 als "Infomobil", u.a. zum Fahrkartenverkauf, zur Verfügung. Hier lagen noch zwei Schmalspurgleise.

Im November 1999 haben die 32 Jahre alten Bahnsteige endgültig ausgedient. An dieser Stelle wurde 2000/01 ein "Konsumtempel" errichtet. Im Hintergrund ist neben dem bereits gezeigten Infobus eine T3D-M-Garnitur zu sehen, die bereits an der, deutlich abgespeckten, neuen Zentralhaltestelle abfährt.

Der schon erwähnte Innenstadtring führte durch die Theaterstraße. Hier an der Kaßbergauffahrt zweigte bis 1983 die Linie 8 zur Weststraße links ab. In der Theaterstraße tauschte man die beiden Schmalspurgleise 1986 gegen ein Dreischienengleis. Allerdings ist dieses Gleis ausschließlich von der Schmalspur genutzt worden, denn die Regelspur wurde nie angebunden. Nachdem 1990 letztmals Museumsfahrzeuge verkehrten, funktionierte man die Trasse wenig später zur Busspur um, wobei die mittlere Schmalspurschiene entfernt wurde. Im Januar 2000 befand sich noch ein Relikt des Dreischienengleises in Höhe Kaßbergauffahrt. Es wurde inzwischen herausgerissen.

Folgt man der Theaterstraße weiter bis zur Ecke Hartmannstraße (frühere Helmut-Just-Straße) erreicht man das einstige Gleisdreieck, wo sich die Strecken nach Rottluff/Borna (Linie 3/4) und Furth-Glösa (Linie 7) teilten. Im Januar 2000 waren noch zwei Gleise vorhanden, im Sommer waren sie schon verschwunden.

Die eben erwähnte Güterzugstrecke Küchwald – Wüstenbrand querte wenige hundert Meter weiter die Limbacher Straße und somit auch die Straßenbahnlinie 3. Im Hintergrund ist die Wendeschleife zu sehen, welche seit 1989 von Omnibussen genutzt wird. Aufgrund der lichten Höhe der Bahnbrücke war das letzte Streckenstück zur Schleife eingleisig. Auch die Eisenbahn, sowie die nahe gelegene 600-mm-Ziegeleibahn sind längst Geschichte. Die Stadtteile Rottluff und Altendorf sind heute gänzlich eisenbahnfrei bzw. werden es mit dem Gleisrückbau der "Industriebahn" im Jahr 2018 sein. (Aufnahme vom 24.11.2002)

Linie 4 folgte der Leipziger Straße nach Nordwesten bis zur Bornaer Straße. Wie in Rottluff diente die einstige Wendeschleife anschließend dem Busverkehr. Im Oktober 1998 wendete ein Ikarus 280.02 in Borna – damals schon der Ausnahmefall auf der Stadtbuslinie 21. Die letzten Bahnen wendeten hier am 20.12.1975. Zwischen 2000 und 2008 blieb die Schleife auch von Bussen ungenutzt. 2018 reifen wieder Pläne für eine Straßenbahnneubaulinie entlang der Leipziger Straße.

Linie 7 folgte der (heutigen) Blankenauer und Chemnitztalstraße nordwärts. Unterhalb der Bahnstrecke nach Leipzig kamen bei der Straßensanierung im Sommer 2009 wieder die Gleise zum Vorschein. Schon am 21.02.1972 wurde Linie 7 als erste auf Omnibusbetrieb umgestellt.

Der Betriebshof Planitzstraße (später Leninstraße, an der heutigen Heinrich-Schütz-Straße) war einst der größte in Chemnitz. In Spitzenzeiten bot er Abstellfläche für 230 Fahrzeuge. Nachdem er ab 1976 nicht mehr ans Gleisnetz angebunden war, diente er der NVK/CVAG noch bis 1995 als Bushaupt- und Betriebswerkstatt. Das südliche Gleisvorfeld an der Heinrich-Schütz-Straße blieb bis 2014 erhalten. Im Zuge des Um- und Ausbaus des benachbarten Fußballstadions wurden die Anlagen im ersten Quartal 2014 abgebrochen. Blick auf die Nordseite (Zufahrt Gellertstraße) am 09.06.2012.

Die Linie 1/13 nach Siegmar wurde etappenweise stillgelegt: Der zuletzt nur spärlich befahrene Abschnitt Industriewerk – Siegmar im Mai 1980, der Rest ein Jahr später. Am Industriewerk befand sich ein Wendedreieck. Das Stumpfgleis in der Guerickestraße wurde auch als Abstellgleis genutzt. Noch heute ist ein Stück davon gut erhalten geblieben. Im Hintergrund ist die 1988 eröffnete Neubaustrecke nach Schönau zu sehen. Das Stumpfgleis verendete einige Meter weiter hinten im Straßenpflaster.

Schließen wir unsere Rundreise auf 925mm wieder am Ausgangspunkt ab:

Zum "Tag der Industriekultur 2012" konnte der historische Schmalspurtriebwagen 251 (Bj. 1929, Waggonfabrik Busch, Bautzen) im Straßenbahnmuseum Kappel mal wieder zeigen, dass er es noch kann – fahren aus eigener Kraft! Viel Auslauf haben die Schmuckstücke leider nicht mehr. Am 16.09.2012 verließ der frisch hauptuntersuchte Wagen das Depot in Kappel.

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