Der zu Beginn des 15. Jahrhunderts erstmals urkundlich erwähnte Ort Wittgensdorf ist seit 1999 ein Stadtteil von Chemnitz und verfügte zwischen 1902 und 1998 über drei Bahnstationen. Den Haltepunkt Wittgensdorf Mitte (vormals Bahrmühle) haben wir in Teil V kennengelernt.

Der erste Bahnhof von Wittgensdorf (seit 1927 hat er den Zusatz "ob Bf") liegt am Kilometer 51,58 der Strecke Neukieritzsch Chemnitz (KC). Er entstand mit dem Bau der Strecke im Jahr 1871 und ist seit jeher auch Endpunkt (km 6,68 LW) der Stichstrecke von Limbach (Sachs). Die Limbacher Strecke (seit 1913 verlängert bis Oberfrohna) mündet im Norden von Westen her in den Bahnhof ein. 

Der obere Bahnhof befindet sich am Scheitelpunkt der Neukieritzscher Strecke (350 m). Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert war die Station stetig erweitert worden. Oft wurden Güterzüge bis hierher durch Schiebeloks unterstützt. Um diese vor der Rückfahrt drehen zu können, errichtete man 1894 eine handbediente 11,6-m-Drehscheibe. 1895 entstanden die beiden Stellwerke. Bis 1924 hatte der Bahnhof eine eigene Bahnmeisterei. Deren Draisine war in einem Schuppen untergebracht, welcher auf dem Schienenweg nur über die Drehscheibe erreichbar war. Das zweite Streckengleis in Richtung Burgstädt existierte nur von 1895 bis 1946. In Richtung Chemnitz wurde es 1973 wieder aufgebaut. Der Bahnhof ist also seither auch Überleitstelle. 1962 waren noch 51 Eisenbahner im oberen Bahnhof beschäftigt. Die Stellwerkstechnik wurde in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre (teil-)modernisiert. Die Befehlsstelle des Fahrdienstleiters wanderte vom Empfangsgebäude in das Stellwerk 2 an der Küchwalder Ausfahrt. Die Formsignale wurden durch Tageslichtsignale (Hl) ersetzt. Eine örtliche Aufsicht gab es noch bis August 1992.

Seit der Umstellung auf elektronische Fernsteuerung (ESTW seit Ende 2005) verfügt der Bahnhof noch über drei durchgehende Gleise und sechs Weichen (davon eine Handweiche). Ein mit Betonplatten versehenes Stumpfgleis (in Lage der ehem. Gleise 11 und 12) dient der Verladung von Transformatoren für das Zentrale Umspannwerk Löbenhain. Die Limbacher Strecke ist noch bis Hartmannsdorf als Bahnhofsnebengleis befahrbar.

Das aus der Anfangszeit stammende, später erweiterte, Empfangsgebäude ist heute dem Verfall preisgegeben und steht zum Verkauf. Der Mittelbahnsteig wurde 1999 eingekürzt, das 1908 errichtete Bahnsteigdach erfüllt bis heute seinen Zweck. Seit Jahren war eine Verlegung der Reisendenstation (Außenbahnsteige nahe der Straßenunterführung Obere Hauptstraße) im Gespräch, welche nun im Herbst 2017 in Angriff genommen worden ist.

Ein herzlicher Dank an Heiko Vogler für die Bereitstellung von drei Aufnahmen aus seinem Archiv.

KC = sächsisches Kürzel der Strecke Neukieritzsch Chemnitz (heutige KBS 525)

LW = sächsisches Kürzel der Strecke Limbach (Sachs)  Wittgensdorf ob Bf (zuletzt KBS 526)

© 2017 MBC

Siehe auch: Wittgensdorf ob Bf auf sachsenschiene.de (Jens Herbach)

Steffen Kluttig (2006). Schienenverbindungen zwischen Chemnitz und Leipzig. Die Eisenbahnstrecken Kieritzsch - Chemnitz und Leipzig - Geithain. Bildverlag Böttger GbR.

Neben- und Schmalspurbahnen in Deutschland: Limbach - Wittgensdorf/Oberfrohna. GeraMond: 2015 (Autor: Stephan Häupel).

Verein Sächsicher Eisenbahnfreunde e.V. (Hrsg.). 125 Jahre Eisenbahn. Borna - Narsdorf - Wittgensdorf - Chemnitz. Rochlitz - Narsdorf - Penig. Limbach - Wittgensdorf. 1872 - 8. April - 1997. Festschrift. 1997.

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