Wer heute auf der B95 von Chemnitz in Richtung Annaberg-Buchholz fährt, kommt auch durch das Städtchen Thum. Vielen ist das Thumer Schmalspurnetz sicherlich noch ein Begriff. Zeitzeugen und Erinnerungen verblassen jedoch immer mehr und im Oktober 2013 ging es auch den Resten des einst so stolzen Bahnbetriebswerkes an den Kragen.
Geschichte
Nachdem der Bahnhof Thum zum 1. Mai 1906 als Durchgangsstation im Zuge der Umtrassierung zwischen Herold und Ehrenfriedersdorf und dem Lückenschluss nach Geyer in Betrieb ging, wurden auch erste Lokbehandlungsanlagen errichtet. Das erste Heizhaus (zwei Gleise, vier Stände) wurde durch die Errichtung der Meinersdorfer Strecke 1911 um ein Gleis und zwei Stände erweitert. Es war vergleichbar mit den Heizhäusern in Geyer, Jöhstadt, Kirchberg, Oberwiesenthal etc. Allmählich stieg die Bedeutung des Bahnhofs Thum als Betriebsmittelpunkt des kleinen Netzes und auch der Lokbahnhof musste erweitert werden. Neben dem vorhandenen Lokschuppen entstand Ende der 1920er Jahre ein zweigleisiger Schuppen für Wagenreparaturen. Das in die Jahre gekommene Heizhaus konnte dem Bedarf bald nicht mehr gerecht werden und wurde 1934 durch einen großen viergleisigen Schuppen mit acht Ständen und Sozialräumen ersetzt, welcher sich direkt an den Wagenschuppen anschloss. Diese beiden Gebäude in Holzverkleidung prägten das Bild des späteren Bahnbetriebswerkes bis heute. In den Folgejahren kam es noch zu diversen Erweiterungen der Anlage. Ihre Blütezeit begann in Verbindung mit der Erhebung zum Bahnbetriebswerk zum 1. Februar 1949. Für die nun benötigte Lokleitung wurde, nach Provisorien mit Schmalspurwagenkästen, schließlich 1961 der Wagenkasten eines Regelspurpersonenwagens verwendet. Auch die Wagenunterhaltung wurde in Thum konzentriert, unterstand aber ab 1955 dem Bww Karl-Marx-Stadt. In Thum waren vorrangig die Babelsberger 1'E1'-Neubauloks der Baureihe 99.77-79 beheimatet. 1953 traf 99 1778 als erste Neubaulok in Thum ein, viele weitere folgten und die Einheitsloks (BR 99.73-76) wurden rasch auf andere Strecken verteilt. Zeitweise unterstanden dem Bw Thum auch die Lokbahnhöfe in Jöhstadt, Eppendorf und Oberwiesenthal. Somit waren in Thum buchmäßig auch einige IV K beheimatet, die aber auf dem Thumer Netz damals nicht mehr eingesetzt wurden. Der Niedergang begann mit der Auflösung des Bahnbetriebswerkes zum 1. Januar 1967. Fortan unterstand Thum als Einsatzstelle dem Bw Aue. Jöhstadt und Oberwiesenthal wurden der Einsatzstelle Annaberg-Buchholz Süd untergeordnet. Die Stilllegung der von Thum ausgehenden Strecken zog sich von August 1967 bis Jahresende 1975. Im Laufe des Jahres 1977 wurden die verbliebenen Gleise in Thum demontiert. Bereits ab 1. Januar 1974 war in Thum eine Außenstelle des RAW Karl-Marx-Stadt eingerichtet worden. Es wurden hauptsächlich Abgasanlagen von Rangierdieselloks aufgearbeitet. Zur Schließung Mitte 1995 zählte die Werkstatt noch 15 Mitarbeiter.
Nach 18 Jahren Dornröschenschlaf sind die ehrwürdigen Gebäude am Ende angekommen. Da hilft auch der (obligatorische) Denkmalschutz nichts mehr. Immerhin soll im 2014/15 entstehenden Pflegeheim ein Modell und eine Bilderausstellung an die einstige Funktion des Areals erinnern.

Die Aufnahme vom 13. Juni 1970 gibt einen guten Überblick. Ganz links sehen wir den erwähnten Wagenkasten, der ab 1961 als Lokleitung fungierte. Daneben köchelt 99 1777 vor sich hin. (Gleich wird sie zum allerletzten Mal nach Geyer fahren.) Der zweigleisige Schuppen rechts diente der Wagenreparatur.

Gleiche Position gut 43 Jahre später. Am 16. Oktober 2013 steht nur noch ein kleines Stück des Lokschuppens.

Auf dieser Aufnahme vom April 2002 ist gut der Sockel für den Wagenkasten, der als Lokleitung fungierte, zu sehen. Er wurde Mitte der 1990er Jahre abgerissen. Die Pilzlampe wurde übrigens 2009 von der IG Schmalspurbahn Thumer Netz e.V. gerettet und steht nun leicht gekürzt im ehemaligen Bahnhof Oberherold.

Am 10. Mai 2013 wurde einer Hand voll Interessierten die Möglichkeit geboten, das Gelände zu besichtigen. Der Thumer Bürgermeister führte auch durch den maroden Lokschuppen. An dieser Stelle ein Dank an die Organisatoren!

1954 entstand dieses Sozialgebäude hinter dem Lokschuppen. Erst Anfang der 1990er Jahre wurde die Elektrik umfassend erneuert. (10.05.2013)

Einstmals unterstand der Lokbahnhof Oberwiesenthal dem Bw Thum. Die 2003 neu errichteten Hochbauten erinnern in Form und Verkleidung etwas an die alten Thumer Gebäude. 99 786 war allerdings nie in Thum stationiert. (25.10.2008)

Viele erzgebirgische Winter dieser Art hätte das Dach wohl sowieso nicht mehr überstanden. (27.12.2010)

© 2013 MBC

Quellen:
Häupel/Schramm: Schmalspurbahnen um Thum (2002/2011); Kenning (ISBN 3-933613-39-6)

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